Super Flu und Ihre Melodien aus der Heimat
Ich sitze im Best Western Hotel in Köln und warte auf Feliks Thielemann und Mathias Schwarz aka Super Flu. Sie spielen heute Abend in der Stadt. Da in wenigen Wochen ihr erstes Album erscheint, ergreife ich die Chance, die beiden zu „Heimatmelodien“ zu befragen. Vor der Tür ein schwarzer Lada, Modell „Samara“. Die beiden bevorzugen es, innerdeutsche Gigs mit dem eigenen Auto anzusteuern, um währenddessen anständige Musik oder Hörbücher zu hören.
Nach wenigen Minuten erreichen wir ein gemütliches Lokal und mir wird klar, dass sich bei den Jungs trotz ihres Durchbruchs mit „Shine“ im letzten Jahr in keinster Weise Starallüren breit gemacht haben. „Wir arbeiten quasi ständig daran, größer und toller zu werden und so (lacht). Ab dem Zeitpunkt ging aber alles etwas schneller.“ sagte Felix. Die Jungs scheinen jedoch mächtig gelassen geblieben zu sein, und planten darauf hin in Ruhe ihre nächsten Schritte.
Für die Arbeiten an „Heimatmelodien“ flogen die beiden spontan nach Jönköping / Schweden. Ein beschaulicher Ort, weit abgelegen jeglicher Zivilisation und der damit verbundenen Ablenkung. „Da haben wir uns eine richtig gemütliche Bude geholt, mit Kamin und so“ erinnert sich Feliks, während im selben Moment unser bestelltes Bier serviert wird. In der schwedischen Natur ließ sich das Duo schließlich innerhalb von zwei Wochen inspirieren, z.B. durch das „Piepsen eines Vogels, du denkst ‚Meeeega‘. Die Harmonie im Studio scheint zu funktionieren. Feliks sang früher beim Stadtsingerchor in Halle und besitzt dadurch mehr Background was Harmonielehre betrifft, während Mathias dunkle Ost-Clubs in verlassenen Kellern bespielte. „Das alles zusammen ergibt zum Schluss: Super Flu“, so sind sich die beiden einig.
Im Großen und Ganzen könnte man „Heimatmelodien“ auch wirklich als solche verstehen. Während Opa Herbert wie aus einigen Sets bekannt ein In- sowie Outro liefert, gibt es einen Neun-Sekunden-Track mit Gesangseinlage von Mathias‘ Tochter Lilou. Auch Feliks‘ Freundin verlieh dem Track „Poppycock“ ihre sanften, verträumten Vocals. Dem Hype um Feliks‘ Opa Herbert musste aber hier und jetzt eine Erklärung folgen: „Wir haben irgendwann angefangen, unsere Sets live mitzuschneiden und auf unsere Seite zu stellen. Es gab aber leider nur ein A bis Z. Da haben wir uns überlegt, dass wir noch etwas Cooles für den Start brauchen. So kamen wir auf die Idee mit den Intros…“ erzählt Mathias schmunzelnd. „Er hat sich auch schon immer dafür interessiert. Es ist jetzt zwar nicht so, dass er sagt ‚Feliks mach mal die Bassdrum etwas dicker‘, aber in unserem Intro verlangt er ja z.B. ein bisschen mehr Hall“.
Das Spaßvögel-Image erklären sich die beiden wie folgt: „Es ist jetzt nicht so, dass wir sagen ‚wir müssen jetzt total lustig sein und die Clowns spielen‘. Das hat sich einfach so ergeben. Dominik Eulberg z.B. ist sehr naturverbunden, Richie Hawtin hingegen ist eher der Zukunftsmann mit Laseraugen“ als Mathias hinzufügt: „…und Laserpenis. Da mussten wir natürlich nachziehen. Die meisten Leute sind ja so, weil sie so denken. Es muss bzw. es sollte halt authentisch sein. Wir hatten auch viel Glück, weil wir immer nur das gemacht haben, worauf wir Bock hatten.“
Hat man Veröffentlichungen von Super Flu in der letzten Zeit verfolgt, stellt man einen Wiedererkennungswert par excellence fest. Pumpende und rollende Basslines sind Super Flus Markenzeichen, welchem sie sich jedoch selbst nicht verschrieben haben, erklärt Mathias: „Ich denke, das ist eine Sache des Charakters. Wir haben das schon von vielen Leuten gehört, und selbst fällt es aber gar nicht so auf. Da steckt also keine Absicht dahinter. Natürlich haben wir eine gewisse Idealvorstellung von einem Track, der wir ständig nachzukommen versuchen. Ist wahrscheinlich auch eine Stilfrage. Entweder man hat Stil oder man hat ihn nicht“ (beide lachen). Feliks: „Wir können uns also jetzt schwer festlegen, was speziell ‚Super Flu‘ ist. Wir versuchen, in jedem Track etwas Neues zu kreieren und anders zu klingen. Da lassen wir uns auch von aktuellen Sachen beeinflussen. Letztlich sollten aber die Leute entscheiden, was oder wie Super Flu ist.“
Ständig etwas Neues zu kreieren und sich dabei von niemandem reinreden lassen zu müssen, bedarf aber einer gewissen Freiheit. Diese verschafften sie sich, trotz der hochgepriesenen Finanzkrise mit der Gründung ihres eigenen Labels Monaberry. “Das war ein unheimlicher Reifeprozess. Wir hatten es leid, die meiste Zeit zwischen der Idee bis zum Release zu diskutieren und sich anzunähern, weil das Vertrauen noch nicht vorhanden war. Das war sehr stressig. Das geht dann soweit, dass man teilweise gar keinen Bock mehr hat und man sich die Telefonate gegenseitig zuschiebt.“ beschwert sich Feliks. „Genau, ‚telefonier du heute mit dem, das könnte irgendwie stressig werden‘. Das ist das Gleiche, als wenn man morgens aufsteht und erst mal überlegt, ob man zur Arbeit fährt oder nicht. Da sollte man das Ganze überdenken. Eigentlich wollten wir schon seitdem wir uns kennengelernt haben ein eigenes Label gründen. Und mit Plantage13 haben wir einen super Partner erreicht.“ Statt wie gewöhnlich eine E-Mail mit Link zu versenden, setzten sich die beiden (mal wieder) ins Auto und besuchten Jan Langer von Plantage13 im Büro. “Mit dem Jan sind wir in Bremen um die Häuser gezogen und in den letzten Gassen gelandet. Im Suff haben wir dann beschlossen, ‚Monaberry‘ zu gründen.“
Das Label prophezeit derzeit mit Releases wie „Herbert’s Best“ eine glorreiche Zukunft. Jetzt steht jedoch erstmal das Album an. Aus diesem werden wir noch eine Menge hören. Der Gig abends in Köln war jedenfalls sensationell.
„Heimatmelodien“ erschien am 03.03.2010 auf Monaberry / Intergroove
Tracklist:
1. Präludium (Herb´s House)
2. Bukkake Beyonce
3. Didschn
4. Lilou
5. Bude Baun
6. Poppycock
7. Pölsewoggn
8. Oktavlachs
9. Nickeltoe
10. Yours, Opa
11. Postludium (Schön war´s)










