Alex M.o.r.p.h. – Prime Mover
Rein wettertechnisch ist der Sommer 2012, zumindest hier in Deutschland, ein Trauerspiel. Doch zum Glück beschränkt sich dies, wie gesagt, nur auf das Wetter. Musikalisch betrachtet, ist derzeit Hochsaison, die ganz aktuell mit einem Album gekrönt wird, auf das wir vier Jahre warten mussten. Vier Jahre, in denen Alex M.o.r.p.h. keinesfalls untätig war, sondern, neben einem „Hands On Armada“-Album, über hundert Remixe produzierte. Allein dies, zusammen mit seinen zahllosen weltweiten DJ-Gigs, lassen einen Longplayer mit einem so gewaltigen Output fast schon zu einem Ding der Unmöglichkeit werden. Doch der „Prime Mover“ liegt vor mir und mit ihm siebzehn exzellent arrangierte Tracks…
„Das ist schon ein Stück eiserne Disziplin, die da eine Rolle spielt. Denn, egal wann ich sonntags von einem Gig nach Hause komme, ich bin montags sofort wieder am Start, um weiter zu arbeiten. Natürlich ist es auf der anderen Seite auch der heutigen Technik zu verdanken, dass ich von überall aus kreativ in Bezug auf neues Material werden kann. Wenn man es so will, ist man rund um die Uhr mit seiner Musik beschäftigt. Da fällt einem zu dem Track etwas ein, am nächsten Tag zu irgendeinem Remix und dann hat man noch die Idee für etwas völlig Neues. Da laufen mehrere Prozesse parallel und ergeben schlussendlich diesen massiven Output. Der reine Produktionsprozess zu ‚Prime Mover‘ hat dabei ungefähr ein Jahr beansprucht. Und auch wenn einem die vier Jahre Wartezeit seit ‚Purple Audio‘ wie eine Ewigkeit vorkommen, in DJ-Zeit umgerechnet, ist das fast gar nichts.“
Doch das Warten hat sich definitiv gelohnt. Der „Prime Mover“ hat enormes Suchtpotential. Lediglich der Name selbst bereitet einem Kopfzerbrechen, worauf Alex entgegnet, dass es sich hierbei um eine Symbiose zweier Sachen handelt. „Ich war auf Tour in Australien, als ich diese Wortkombination das erste Mal hörte. Die Aussies meinen damit diese riesigen Monstertrucks, die hierzulande gar nicht zugelassen sind. Solch eine Wucht entspricht genau der Dynamik bzw. dem Energiegeladenen und dem ‚Nach-Vorne-Treiben‘ meiner Musik. Hinzu kommt, dass man als DJ die Leute Woche für Woche in Bewegung hält; ein einziges, riesiges, weltweites Movement. Und das natürlich am Besten zur Primetime. Ich fand dies als Albumnamen einfach passend; auch weil er kurz und knapp und daher leicht zu merken ist.“
Im Gedächtnis bleiben wird nach dem Opening-Track „Eternal Flame“, mit seiner wahrhaft gekonnten Breakbeatarrangierung, wohl auch die Co-Produktion mit Shannon Hurley namens „Monday Morning Madness“. Die Aussage des Tracks ist nach einem exzessiven Weekend ziemlich eindeutig. „Ich wollte einen Song für alle, die in unserem Business arbeiten, aber auch für alle anderen, die, ganz egal was sie am Wochenende gemacht haben, ob feiern oder chillen, Montagmorgen wieder gerade stehen müssen. Der Montag ist und bleibt einfach immer der schlimmste Tag der Woche. Du stehst im Stau, das Wetter ist mies…du kennst das ja bestimmt auch.“
Etwas weiter im Tracklisting trifft man auf die sich noch fernab vom Montagstrübsal befindliche Stimme von Christian Burns. Gekonnt verschmilzt bei „Secret Universe“ der Morph’sche Sound mit Elektrogitarrenriffs und analogem Drumsound aus der eigentlich etwas rockigeren Heimat des Sängers. Das Verblüffende daran ist jedoch die Tatsache, dass es sich keinesfalls um den Einsatz echter analoger Geräte handelt. „Das ist reine Samplearbeit, die bei mir jedoch unter Umständen Stunden in Anspruch nehmen kann, da ich mich beim Durchhören der unzähligen Soundbänke sehr vertiefe und nicht gleich beim erstbesten Klang hängen bleibe. Wenn ich dann jedoch etwas finde, geht der Rest dazu sehr schnell. Und es freut mich, dass das Ergebnis so täuschend echt rüberkommt.“
Täuschend echt kommt im nächsten Track auch das Urlaubsfeeling auf. „Bay Of Bengal“ erzählt die Geschichte Asiens in einer einzigartigen und verspielten Weise. Die verträumte und Gänsehaut erzeugende Arrangierung steht vollkommen losgelöst vom bisherigen Upliftingsound des Longplayers. Doch genau diese Sachen sind es, die dem Album Leben einhauchen. „‘Bay Of Bengal‘ entstand wären meiner Asientour. Ich hatte den Namen schon unzählige Male auf dem Flugzeugbildschirm gelesen und irgendwann entstand dazu dieser Track. Als alter Fernost-Fan wollte ich eben auch mal etwas anderes machen, als das Ganze immer nur ‚Miami‘ oder ‚Las Vegas‘ zu betiteln. Außerdem fand ich, dass es höchste Zeit wurde, genau diesen verträumten Sound zu kreieren, da er meiner Meinung nach momentan viel zu kurz kommt. Alle spielen immer nur nach vorne und immer auf die Nuss, was ja letztendlich nicht verkehrt ist und Spaß macht. Doch ich hab in letzter Zeit öfter gemerkt, dass gerade Sachen wie ‚Bay Of Bengal‘ richtig gut vom Publikum aufgenommen werden. Zwar ist so etwas risikobehaftet und ein Experiment, doch genau dieses Risiko gehe ich gerne ein. Das Ergebnis spricht ja für sich.“
Neben Sue Mc Laren, Sylvia Tosun sowie den schon erwähnten Gaststars, findet sich auch sein B2B-Partner Woody van Eyden im Tracklisting wieder. Zusammen mit Sängerin Tiff Lacey zaubern die beiden eine kristallklares, fast schon schwebendes Etwas namens „I See You“, das sich nahtlos an ältere Zusammenarbeiten wie „Turn It On“ oder „Heavenly“ anfügt und den „Prime Mover“ so langsam in Richtung Finale führt. Was dort schließlich passiert, ist einer dieser Momente, wo man mit offenem Mund staunend stehen bleibt. Lediglich von ein paar Strings und einem Klavier begleitet, singt die engelsgleiche Stimme von Hannah „When I Close My Eyes“. Gänsehaut pur, Feuerzeugstimmung, Melancholie pur. „Mit Hannah stand schon seit längerer Zeit eine Zusammenarbeit an. Sie ist eine sehr talentierte Sängerin, die sich auch zu Hause noch richtig klassisch an den Flügel setzt und komponiert. Wir hatten uns sehr lange unterhalten, wohin die Reise gehen soll. Hinzu kam, dass ich ihr vom Tod meines Vaters im letzten Jahr erzählte. Dies nahm sie zum Anlass, die Lyrics und den Sound schlussendlich so werden zu lassen, wie sie sind. Ich hatte ursprünglich nicht beabsichtigt, ein Lied für meinen Vater zu produzieren, aber letzten Endes ist es dann doch so eine Art Widmung an ihn geworden. Als der Titel fertig war, ging der so dermaßen unter die Haut, dass für mich sofort feststand, dass dies der Abschluss meines Albums wird. Ich habe ihn mittlerweile schon mehrmals als Closing in meinen DJ-Sets gespielt. Es ist jedes Mal ein unbeschreiblich überwältigendes Gefühl, wenn vor dir ein Meer aus Feuerzeugen angeht.“
Nach einer Spielzeit von etwas über einer Stunde ist der „Prime Mover“ durch; lässt sich jedoch nur äußerst schwer aus dem Player entfernen. Immer wieder will man dieses oder jenes Stück oder am Besten gleich alles noch einmal hören und erinnert sich an die kurze Preview bei Youtube mit durchweg positiven Kommentaren. Überwältigung auf ganzer Linie? „Solange die Kommentare ins Positive gehen, ist man als Künstler natürlich schon stolz. Was jedoch auf Youtube manchmal abgelassen wird, ist echt fragwürdig; ganz egal, ob bei mir oder anderen Künstlern. Es ist nicht so, dass ich mit Kritik nicht umgehen kann, doch da wird die Nadel im Heuhaufen gesucht, um alles schlecht zu reden. Diese Leute haben teilweise noch nie eine Note zu Gesicht bekommen und wissen auch gar nicht, wie schwer es ist, Musik zu produzieren. Daher teste ich meine Sachen viel lieber am realen Publikum. Das ist einfach ehrlicher. Wenn du das allererste Mal einen Track ausprobierst, gehen die Leute unbefangen ran. Entweder er funktioniert oder er wird nicht verstanden.“
Letzteres wird bei diesem Album wohl kaum der Fall sein, für dessen Covershooting Alex extra nach Holland reiste, um dort auf jemanden zu treffen, der sein Leben lang an Harleys und Trucks herumgeschraubt hat und der in Europa eine Art echtes Unikum für die Restauration dieser Maschinen ist. „Da stehen auf einmal fünfzehn solcher Trucks mitten auf dem Land und du denkst, du bist irgendwo in den Staaten unterwegs. Der Kenworth-Truck, in dem wir gefilmt haben, ist das absolute und mittlerweile auch preisgekrönte Baby des Holländers. Da hieß es, Schuhe aus und bloß keine Kratzer machen. Das Ganze wurde jedoch mehr und mehr zum Problem. Die Frontscheibe konnte nicht raus genommen werden, so dass vor mir zwar noch die Kamera Platz hatte, nicht aber der Fotograf. Es ist erstaunlich, dass dennoch alles funktioniert hat; auch in Anbetracht der Kälte an diesem Tag.“
Womit wir wieder beim Wetter wären. Doch mit einem Album wie dem „Prime Mover“ scheint die Sonne zumindest voller Kraft aus den Boxen.
„Prime Mover“ ist am 13. Juli auf Armada erschienen.







