Donnerstag, 23. Mai 2013

„Do It Yourself“ als Lebenseinstellung – die bezaubernde Fran


7. Dezember 2012 // Magazin, Musikthemen, News  

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Fran, vielen von uns seit einigen Jahren bekannt von unzähligen beeindruckenden Konzerten auf Festivals und in den Clubs der Welt. Sie ist Teil des wohl berühmtesten Musikerpärchens der elektronischen Szene und veröffentlichte im November ihr erstes Soloalbum mit allen Einflüssen, die sie bisher geprägt haben. Und genau darum geht es. Wie managt man ein Leben zwischen Familie und Business? Wie kann man erreichen, was man wirklich will? Und welche Rolle spielt dabei das Motto „Do it yourself“? Fran liefert Antworten auf all diese Fragen und legt somit jedem ihr Debütalbum „Frantastic“ ans Herz. Wir sprechen mit Fran über ihr Leben als Musikerin, Eherfrau und Psychologin.

Hallo Fran, wie geht es dir?

Danke, sehr gut! Zwei Jahre Arbeit an meinem Album liegen jetzt hinter mir. Eine tolle Zeit! Seitdem ich die CD zum ersten Mal in den Händen gehalten habe, wusste ich, dass sich die ganze Mühe gelohnt hat.

Das glaube ich dir auf’s Wort! Aber eigentlich machst du ja schon seit vielen Jahren Musik. Wie würdest du diese Zeit zusammenfassen?

Ich bin musikalische Autodidaktin. Als Kind hab ich mir selbst verschiedene Instrumente beigebracht und mit 15 meine erste Band gegründet. Punk! Dafür brauchte man erstmal nur drei Akkorde und konnte gleich loslegen. Schon damals war meine Devise: Do it yourself! Nach meinem Abi habe ich sogar mal eine Zeit lang Tontechnik an der SAE Berlin studiert. Mir wurde aber irgendwann klar, dass mein Platz nicht hinter dem Mischpult, sondern vor dem Mikrofon ist. Meine zweite Leidenschaft sind die Geisteswissenschaften und auch während meines Psychologiestudiums habe ich in einer Punkband Gitarre gespielt und gesungen. Ich stand immer zwischen den Stühlen: tagsüber an der Uni über Hirnforschung und Psychoanalyse diskutieren, abends Konzerte geben in den abgefucktesten Läden Berlins. Auf „Frantastic“ habe ich jetzt zum ersten Mal das Gefühl, dass sich die wilde, Kunst schaffende Fran und die Psychologin in mir verbunden haben. Es ist eine Synthese aus meinem musikalischen und meinem psychologischen Selbst geworden.

Und irgendwann kam dann Oliver Koletzki in dein Leben. Du und Oliver, ihr seid ja nicht nur Business-, sondern auch Lebenspartner. Wie habt ihr euch damals eigentlich kennengelernt?

2008 lud ich ein paar meiner selbstgemachten Songs bei MySpace hoch. Damals verwendete ich ausschließlich einen BR600 Mehrspur-Recorder und machte Musik mit allem, was ich in meiner Wohnung fand: Kaffeemühle, Wassergläser, Kochtöpfe. Das Feedback war enorm und nach drei Monaten schrieb mir Oliver, der zufällig auf meinem MySpace-Profil gelandet war. Er fragte mich, ob er mir ein Instrumental schicken könne, denn er suche noch eine Sängerin für sein Album „Großstadtmärchen 1“. Ich hatte noch nie was von Oliver Koletzki gehört, aber der Track gefiel mir und nach einer Woche schickte ich ihm „Hypnotized“ mit den Vocals zurück. Eigentlich hätten wir uns auch auf der Straße treffen können, denn sein Studio war 500 Meter von meiner Wohnung entfernt! Bis wir dann ein Paar wurden, das hat noch eine ganze Weile gedauert. Wir haben uns zuerst als Freunde kennengelernt. Einen dieser Home-Recording-Songs, die Oliver damals auf MySpace gehört hat, findet man auch auf „Frantastic“. Es ist der letzte Track und heißt „Summer“. Diesen Song habe ich damals in einer einzigen Nacht auf meinem Balkon aufgenommen, mit Ukulele und einer Drum-Maschine für Kinder. Ich habe ihn nicht verändert. So rough wie er ist, hat er die Stimmung dieser Sommernacht perfekt eingefangen.

Du kanntest also Oliver davor gar nicht? Warst du denn nie in den Berliner Clubs unterwegs?

Nein. Damals habe ich als Psychologin in einer Berliner Klinik gearbeitet und gleichzeitig meine Weiterbildung zur Psychoanalytikerin begonnen. Die einzigen DJs, von denen ich damals schon mal gehört hatte, waren Sven Väth und DJ Koze, das aber auch nur, weil ich früher Fischmob gehört habe. Das war’s dann auch schon. Naja, das hat sich in den letzten drei Jahren geändert. Mittlerweile sind Techno- und House-Clubs überall auf der Welt zu meinem ganz natürlichen Arbeitsplatz geworden und ein paar DJs und Musikproduzenten kenne ich auch. Allerdings eher, weil sie zu unseren Grillpartys kommen und ich sie bekoche.

Mit Oliver hast du fleißig an neuen Stücken geschrieben. Wie seid ihr dabei vorgegangen?

Als wir unser gemeinsames Album „Lovestoned“ produziert haben, sind wir gerade frisch verliebt zusammen gezogen. Oliver ist morgens ins Studio gegangen und hat die Musik produziert, ich war zuhause und habe an den Vocals gearbeitet. Abends haben wir uns dann zum gemeinsamen Essen getroffen und alles angehört und besprochen. Wenn man frisch verliebt ist, dann ist man unheimlich motiviert, alles geht leicht von der Hand, alles ist positiv. Liebe setzt eine enorme Kraft im Menschen frei und ich bin sehr glücklich, dass wir diese Zeit in Form von diesem Album festgehalten haben.

Das ist cool. Nicht jedes Paar hat die Möglichkeite, seine Liebe so kreativ für alle Ewigkeit festzuhalten. Aber wenn man beruflich wie auch privat so viel miteinander zu tun hat, muss man wirklich ein eingespanntes Team sein. Wie managt ihr das Ganze?

Ich hatte dieses Jahr mal eine Kehlkopfentzündung und durfte eine Woche lang nicht sprechen. Da habe ich gemerkt, dass Oliver und ich uns so gut kennen, dass wir auch ohne Worte wissen, was im anderen vorgeht. Wir sind also echt ein eingespieltes Team. Andererseits hängen wir aber auch nicht die ganze Zeit nur aufeinander, denn Olli ist auch viel alleine als DJ unterwegs. Ich glaube das Gleichgewicht aus Nähe und Distanz ist ganz wichtig für eine Beziehung.

Geht ihr euch manchmal auch gegenseitig auf den Keks?
Natürlich. Bei allen Meinungsverschiedenheiten teilen wir aber zum Glück eine ganz hilfreiche Eigenschaft: aufeinander zugehen und Kompromisse schließen.

Ihr beide lebt in Berlin. Warum fühlt ihr euch in der Hauptstadt so wohl?

Ich bin hier aufgewachsen. Auch wenn ich zwischendurch in Großbritannien gelebt habe, Berlin ist meine Heimat. Es gibt keine Stadt, wie diese. Oliver und ich bereisen die ganze Welt, aber Berlin ist unser Mittelpunkt, unser Hafen. Ich liebe das Leben, die Kunstszene und die Leute, die sich in dieser Stadt versammeln.

Nun veröffentlichst du deine erste eigene LP. Wie kam es nun zu diesem Schritt? Eine logische Schlussfolgerung der ganzen Historie?

Vor zwei Jahren stand fest, dass Oliver „Großstadtmärchen 2“ schreiben und ich höchstens ein oder zwei Tracks darauf singen würde. An dem Wochenende habe ich zwar immer noch viel live gespielt, entweder mit unserer Band The Koletzkis oder als Live-Act mit Oliver, aber unter der Woche war ich dadurch irgendwie arbeitslos geworden. Und da nicht nur mein Mann Workaholic ist, sondern auch ich, war klar: Jetzt widme ich mich mal meiner eigenen Vision: „Frantastic“. Genug Material hatte ich ja schon gesammelt über die Jahre.

Und was erwartet den Hörer des Albums?

„Frantastic“ ist die Vertonung meines persönlichen Mikrokosmos. Eine eigene Fran-Welt, abgebildet in 13 Tracks, die alle musikalisch und inhaltlich total unterschiedlich sind. Dem Hörer ist selbst überlassen, wie tief er in diesen Mikrokosmos eintauchen möchte. Manche Tracks sind leichter zugänglich, andere muss man als Zuhörer eher erarbeiten. Auf jeden Fall transportiert die Musik immer die verschiedenen Stimmungen von selbst. Mir war wichtig, dass man nicht erst das Booklet mit den Texten studieren muss, um zu checken, welchen Gemütszustand ein Song transportiert. Wenn man sich tiefer in das Album einhören möchte, dann wird man eine Menge über meine Lebenseinstellung, meine Persönlichkeit und meine Message erfahren und auf Themen stoßen wie Zen-Buddhismus und Psychoanalyse. Das ganze Album ist in kompletter Eigenregie entstanden. Ich habe selbst das Design gestaltet, die Fotos gemacht – das Coverbild zum Beispiel ist ein mit Selbstauslöser aufgenommenes Selbstportrait. Die meisten der Videos, die jetzt nach und nach releast werden, habe ich auch selbst gedreht. Do it yourself! Ich will damit Leute auch ermutigen und zeigen, dass man selbst eine Menge auf die Beine stellen kann. Das ist auch die Philosophie, die hinter Stil vor Talent steht!

Was hat dich zur ersten Single „Arcade Love“ inspiriert?

Man sagt ja: Die Augen sind die Fenster zur Seele. „Arcade Love“ handelt davon, dass man einem fremden Menschen begegnet, tief in die Augen blickt und für den Bruchteil einer Sekunde das Gefühl hat, man würde in die Seele des anderen regelrecht hineinfallen oder eintauchen. Was man im anderen sieht, kann ganz verschieden sein: aufwühlend, anziehend, beängstigend. Das Video ist das einzige, das ich nicht selbst gedreht habe. Der Regisseur Darko Dragicevic hat die Thematik perfekt umgesetzt und in einer traumartigen Story offen gelassen, wer eigentlich wen betrachtet oder verfolgt. Den Remix, den Dominik Eulberg von „Arcade Love“ gemacht hat, halte ich für genial. Mit Release des Albums am 02.11.2012 startet auf www.frantastic-fran.com auch ein großer Remix-Contest. Der Preis ist ein Release auf Stil vor Talent. Ich war damals begeistert, wie viele Remixe von „Hypnotized“ entstanden sind und freue mich, wenn Leute ihrer eigenen Kreativität freien Lauf lassen.

Quasi wieder als Anstoß zum Do-It-Yourself-Konzept, gute Idee! Musikalisch bewegst du dich zwischen ganz verschiedenen musikalischen Genres: Elektro-Pop, Folk, Soul und elektronische Sounds. Hast du die Musik selbst produziert?

Ich bin froh, dass ich jetzt so viele verschiedene Facetten von mir zeigen kann! Die Musik wurde größtenteils von Oded K.dar produziert, einige Songs auch von Martin Seyer von Krabbz Soundsystem aus Neuseeland. Beide sind totale Newcomer-Produzenten! Oded hat früher mit Eddy Stevens von Moloko zusammengearbeitet und schreibt momentan mit MiMi Müller-Westernhagen ihr zweites Album. Er ist schon lange ein guter Freund und Oliver und ich halten ihn für so eine Art „musikalisches Naturwunder“.

Und inhaltlich? Was sind die Themen der Songs?

Beim Schreiben habe ich den Blick nach Innen gerichtet. Es ist ein introspektives Album geworden. Ich bin mir sicher, dass sich Hörer in einigen Themen wiederfinden. Wer kennt zum Beispiel nicht diesen Wunsch, sich von der Welt ein Stück weit abzuschotten und alles nicht so nah an sich herankommen zu lassen? Darum geht es in „Sunglasses“. „Zen Dance“ habe ich geschrieben, nachdem ich auf einer schlechten Party von völlig verstrahlten Menschen umgeben war und mich nach Stille gesehnt hab. In „Scratch A Goodbye“, dem melancholischsten Song auf dem Album, geht es um den letzten Brief, den man schreibt, wenn man eine Beziehung verlässt. Und wer eine unglückliche Liebe hinter sich hat, der wird sich vielleicht in „The Spell“ wiederfinden.

Inwieweit war Oliver denn in den Entstehungsprozess involviert?

Oliver hat mir von Anfang an absolute Freiheit gegeben, wie ich mein Debutalbum musikalisch gestalten will. Gleichzeitig hat er aber auch einen sehr hohen musikalischen Standard verlangt, wie das bei allen Stil vor Talent-Releases der Fall ist. Letztlich haben wir seine Erwartungen getoppt, was mich sehr stolz macht. Bei der Komposition und Produktion war er nicht beteiligt, nur bei zwei Songs haben wir ihn um Rat gefragt, weil uns die Drumsounds nicht gelingen wollten. Oliver ist so erfahren, dass er mal eben in zwei Tagen perfekte Drums programmieren kann. Das bewundere ich sehr.

Werdet ihr auch gemeinsam wieder an neuen Songs arbeiten?

Bestimmt. In unserem Wohnzimmer steht ein Klavier und wenn uns die Muse küsst, werden wir es euch sicherlich nicht vorenthalten.

Welche musikalischen Vorhaben strebst du denn sonst noch an?

Im Moment konzentriere ich mich erstmal auf die Live-Umsetzung von „Frantastic“. Wer mich mal auf der Bühne mit unserer Band The Koletzkis gesehen hat, der weiß, wie viel Spaß mir das Live-Spielen macht! Bei der „Frantastic“-Live-Show möchte ich den Leuten ein künstlerisches Gesamtkonzept bieten, bei dem Musik, Gesang, Visuals und Performance synthetisieren. Das ist aufwenig, aber mein Ziel ist es, die Leute für die Dauer des Konzertes in meinen Mikrokosmos eintauchen zu lassen. Die Premiere findet beim Record-Release-Konzert am 02.12.12 im Lido in Berlin statt.

Klasse. Das werden sich sich bestimmt einige unserer Leser fest in den Terminkalender eintragen. Möchtest du sonst noch etwas loswerden an die Raveline-Leser?

Ich möchte mich unbedingt bedanken! Nicht nur bei allen, die an der Entstehung dieses Albums beteiligt waren, sondern vor allem bei allen Leuten, die zu unseren Konzerten gekommen sind, CDs gekauft haben, uns ihre Unterstützung geschenkt haben.

Danke, Fran!

www.facebook.com/frantastic.music