Sonntag, 19. Mai 2013

Florian Meindl – Startet auf der Welle


10. Mai 2012 // Magazin  

Es ist Sonntagabend. Florian Meindl ist gerade von einem Auftritt beim Plus Minus Festival in Stuttgart heimgekehrt, auf dem er gemeinsam mit Thomas Schumacher gespielt hat, der übrigens den gleichen Heimweg wie Florian hat – zurück nach Berlin. Geboren in Eferding / Österreich zog es Herrn Meindl mit gerade mal 20 Jahren in die deutsche Hauptstadt – ein Schritt, den er nicht bereut hat. Immerhin rückte er dadurch in die räumliche Nähe zu Oliver Koletzki zum Beispiel , auf dessen Label Stil vor Talent er bereits releast hatte. Nun ist er an dem Punkt angelangt, der für ihn ein weiteres Mal richtungsweisend sein wird. Mit „Waves“ hat er nun seinen ersten Longplayer fertig gestellt und wird ihn Ende Mai veröffentlichen. Grund genug, den Künstler Florian Meindl, einmal ausführlich zu beleuchten…

Was bringt dir Berlin, was andere Städte dir nicht bieten können?

Mittlerweile gibt es viele Gründe, warum ich hier wohne. Meine Freundin ist Berlinerin, ich habe ein Studio hier und kann mich schnell und einfach mit befreundeten Produzenten wie Martin Eyerer, Thomas Schumacher oder Christian Smith treffen! Ich kann auch schnell mal persönlich bei Firmen, mit denen ich zusammen arbeite, vorbeikommen wie Native Instruments oder Beatport. Ich schätze auch die kulinarische Vielfalt. Ich gehe gerne gut essen und in Berlin ist das relativ günstig! In London war das unglaublich teuer.

Da ist das Stichwort! Du warst an der London School Of Music! Deine Erfahrung, die du dort gemacht hast?

Viel mehr Erfahrungen, als ich anfangs dachte – ich ging dort nur hin, weil ich wusste, dass mein Englisch sich verbessern könnte und ich bestimmt einiges über Musik lernen würde. In den drei Jahren, die ich dort verbracht habe, konnte ich tatsächlich einiges über die Musikindustrie erfahren, musste mit Kollegen zum Beispiel eine Band live aufnehmen und abmischen, experimentelle Musikprojekte verwirklichen und diverse Software und Techniken lernen. Die Lehrer dort, die teilweise Schwergewichte der Musikindustrie waren, gaben viele Erfahrungen auf eine unglaublich humorvolle und coole Art an uns Studenten weiter. Ich hatte vorher auch nicht damit gerechnet, dass mich einer von Marvin Gayes Produzenten unterrichten würde!

Dein erstes Release kam von dir, als du Anfang 20 warst. Ein früher Start. Was war deine Initialzündung? Zuerst DJ oder Produzent?

Ich habe als DJ schon sehr früh begonnen, in meiner Facebook-Chronik habe ich letztens ein paar sogenannte Meilensteine eingetragen und bei 1998 steht: „Decided to become a dj one day.“ Mein Setup, bestehend aus drei Turntables und einem Pioneer-Mixer, habe ich aber erst 1999 beisammen gehabt. Zum Musikmachen am PC kam ich erst mit 17 – schade, dass ich nicht schon früher die Möglichkeit hatte. Wenn man etwas sehr früh beginnt, hat man es nachher um Einiges leichter!

Jetzt bist du Labelowner, DJ, Produzent, Sounddesigner – viele Baustellen, wovon jede für sich allein viel Zeit in Anspruch nimmt. Schafft man das alles hundertprozentig zur eigenen, vollsten Zufriedenheit?

Nein. Da ich etwas perfektionistisch veranlagt bin, ist dieser Umstand natürlich oft sehr unbefriedigend und Zeit konsumierend. Aber ich entscheide mich immer wieder dazu, viele Sachen gleichzeitig zu starten, weil ich die Erfahrung gemacht habe, dass man zu einem gewissen Zeitpunkt alles zu einem großen Ganzen zusammenführen kann – so wie jetzt zu einem Artistalbum inklusive eines Live-Acts und einer Tour. Man muss nur manchmal die Notbremse bei Projekten ziehen, die einfach nicht laufen!

Neben deinem Musik-Label FLASH Recordings betreibst du auch ein sehr erfolgreiches Loops & Samples-Label namens Riemann Kollektion, wo du schon viele Gastproduzenten wie Pan-Pot, Shlomi Aber, Popof, Christian Smith etc. hattest! Wie kam es dazu?

Die Riemann Kollektion war eigentlich ein Uni-Projekt, das ich dann auch in der Praxis umgesetzt habe. Die Idee dahinter war, meine persönliche Sample-Library, die damals schon sehr groß und vielfältig war, auch anderen Produzenten gegen Bezahlung zur Verfügung zu stellen. Die Einnahmen von Musikverkäufen wurden wegen Piraterie immer weniger, also musste ich einen anderen Weg finden, neben Gigs Geld zu verdienen. Ich wollte schon immer von der Musik leben und nicht von Jobs, in denen ich nicht gut war, oder die mir absolut keinen Spaß machten. Um mich von der Masse an Sample-Packages abzuheben, habe ich bei jeder Riemann Kollektion einen Gastproduzenten – die 11er wird von Wehbba aus Brasilien sein!

Wie sieht deine Studioumgebung aus? Was ist dein Equipment?

Ich habe ein akustisch optimiertes Projekt-Studio, in dem ich mich mittlerweile sehr wohl fühle. Ich arbeite zum größten Teil digital und verwende ein sehr gutes Audio-Interface in Verbindung mit High-End-Lautsprechern. Genaueres kann man auch in einem englischen Magazin namens Future Music nachlesen. Den 7-Seitigen Studiobericht gibt es auf meiner Website zum Download!

Sind für dich als jungen Künstler die Einflüsse der Techno/House-Produktionen der ersten Stunde überhaupt relevant?

Ja, ich habe damals zwar aktuelle Musik von Adam Beyer, Gaetano Parisio oder Steve Bug gekauft, aber auch alte Klassiker der ersten Stunde von Jeff Mills, Model 500 und Robert Hood nachbestellt – ich wollte schon wissen wo das Ganze seinen Ursprung nahm.

An welchen Kollegen orientierst du dich aktuell? Was ist deine Inspiration?

Ich spreche natürlich manchmal mit Gleichgesinnten über den Musik-Kosmos, in dem wir uns bewegen, aber in den letzten paar Jahren habe ich mein eigenes Ding durchgezogen und nicht zu viel nach links und rechts geschaut. Das zahlt sich langsam aber sicher auch aus! Wenn man sich zu viel an anderen orientiert, kommt meist nichts neues Interessantes raus. Meine Inspiration kommt ganz von alleine, allerdings„heraufbeschwört“ in zyklischen Schüben. Was sich hier wie eine Krankheit anhört ist in Wirklichkeit eher eine Art Arbeitsteilung: Ich habe mir angewöhnt, immer wieder ein paar Wochen lang interessante Bücher zu lesen, neue Dinge auszuprobieren oder Dinge wie Harmonie-Lehre oder neue Software zu erlernen. Danach lege ich alles beiseite, bin nur produktiv und setze alle neuen Ideen, die ich mir gerne aufschreibe um.

Hat sich die elektronische Musikszene in deinen Augen in den letzten Jahren verändert? Wenn ja, wie?

Ja, sie verändert sich eigentlich ständig! Mal schneller, mal langsamer. Jede Generation sieht das alles aus einem anderen Blickwinkel, und das muss man sich immer vor Augen halten. Deshalb halte ich mich mit „Früher war alles besser“-Thesen sehr zurück – umgekehrt: Ich versuche, immer neue Lösungen zu finden und die neuen Dinge mit einzubeziehen. In Bezug auf Musikstücke fällt mir ein aktuelles Beispiel ein: Es gibt oft neue Produktionsmethoden und Genres, die ich interessant finde, mit denen ich mich aber nicht hundertprozentig identifizieren kann. Deshalb lasse ich manchmal meine Tracks von Künstlern mit interessanten neuen Stilen remixen. Die Ergebnisse sind meist sehr interessant, weil die Remixer meine Stücke aus ihrer Sicht interpretieren! Bei der Single-Auskopplung für mein Album, die drei Wochen vor dem Release erscheinen wird, habe ich Shadow Dancer von Boys Noize Records engagiert und das Ergebnis ist eine interessante Mischung aus unseren Stilen.

Nun zu deinem Debüt-Studioalbum: „Waves“: Wie lange hast du daran gesessen?

Es umfasst 17 verschiedene Tracks und es hat ca. 80 volle Studio-Tage bzw. Nächte gedauert, um es fertig zu stellen. Unerwartet lange hat der Feinschliff gedauert, da konnte ich meinen Hang zum Perfektionismus etwas ausleben. Ich habe jeden Track solange bearbeitet, bis ich voll zufrieden war!

Weshalb hast du dir diesen Titel ausgesucht?

Der Titel sollte eigentlich nicht von dem, was es ist, ablenken – nämlich mein erstes Artistalbum. Es handelt sich nicht um ein Konzeptalbum, sondern um eine Art Werksschau meiner Fähigkeiten als Musikproduzent in der Vielfalt, wie ich es für nötig gehalten habe. Es war mir wichtig, ein Dancemusic-Album zu machen, das aber zur Auflockerung ein paar Radio-taugliche Listening-Music-Stücke enthält. „Waves“ ist ein sehr einfacher Titel, der viel Spielraum für eigene Interpretationen lässt und meine Attribute enthalten sollte: die Liebe für Technik, Zahlen, Physik aber auch Tiefe, Flow und Zyklik. Die Grafik des Albums adaptiert und interpretiert das auch auf eine sehr subtile Art und Weise im gewohnten Flash-Corporate Design.

In welchen Formaten wird das Album erscheinen? Du hast ja schon mal deinen Song „Flashmob“ als spezial Surround-Mix releast.

Ende Mai wird es digital in allen Shops und auf einer speziellen „Collector’s Edition“-CD erscheinen, bei der auch ein Poster mit drin ist. Darüber hinaus werden wir die Tracks „What Is Techno“ und „Good Times“ vorher auf Vinyl releasen. Ja, es gibt auch ein Special im digitalen Bereich und zwar ein exklusives Paket auf www.highresaudio.com, das die völlig unkomprimierten Album-Songs in 96Khz bei 24Bit enthält. Das ist Studio-Master-Qualität, besser geht es quasi nicht. Es ist dieselbe Auflösung, wie ich es im Studio höre. Für DJs macht das wenig Sinn, aber für High-End-Freaks mit richtig gutem Soundsystem ist es ein absolutes Klangerlebnis. Das Ganze ist mir natürlich noch nicht speziell genug, deshalb bin ich gerade dabei, ein paar Songs in 5.1. Surround abzumischen – das Ganze ist vergleichbar mit dem Unterschied vom Mini-Fernseher zum 3D-Film im Kino! Einfach eine komplett andere Klangwelt, in die man auch nur eintauchen kann, wenn man ein 5.1. Surround-System zuhause hat. So ein Song hat dann anstatt 15Mb Größe locker mal 400Mb! Meiner Meinung nach sinnvoller und zukunftsweisender als eine weitere physikalische Spezialverpackung, obwohl ich Letzteres natürlich auch interessant finde und mit der Special Collector’s-CD umsetze.

Waren Gastmusiker oder Gastsänger am Album beteiligt?

Ja, „Wishful Thinking“ featuret eine Englische Band namens The Detachments und „Pictures“ enthält Vocals von einem italienischen Sänger namens Jukka Reverbini, der auch für die bekannte Psychedelic Band Crimea X singt. Bei den Techno-Tracks habe ich mich meiner eigenen Loops-Packages von der Riemann Kollektion bedient! Bei manchen Stücken sind auch analoge Modular-Synthesizer zu hören, die ich in Zusammenarbeit mit dem Neopren-Box-Studio in Basel (Schweiz) erstellt habe. Das Ganze hatte sich nach einem Auftritt dort ergeben. Steve Cole und sein Kollege Philippe meinten, ich sollte mir doch mal ihr Studio ansehen. Was ich dort zu sehen bekam, ließ sogar mein Herz höher schlagen, obwohl ich kein Analog-Synth-Freak bin. Es würde nicht sehr sinnvoll sein aufzuzählen, welche Geräte sie dort haben sondern eher, was sie nicht haben! Jedenfalls hatten wir die Idee, dass ich ihnen MIDI-Files schicke, sie nehmen mir das dann in verschiedenen Versionen auf und schicken es mir im WAV-Format zurück. Genau das haben wir auch gemacht, und ich bin mit den Resultaten sehr zufrieden! Analoge Synthesizer haben eine gewisse Ungenauigkeit und ein gewisses Rauschen. Das führte zu sehr organischen Synth-Flächen, die sich perfekt in meine Mixes einfügten.

Du bist auch ein fleißiger Remixer… Hot Chip, Röyksopp – nur um ein paar zu nennen. Welchen Stellenwert haben Remixe -deine eigenen und die der anderen für dich?

Remixe sind wichtig und interessant für mich. In der klassischen Musik wird ja sehr viel interpretiert. Wenn man eine Komposition spielt, dann interpretiert man sie im eigenen Stil. Genau dieser Aspekt interessiert mich beim Remixen auch, obwohl der ursprüngliche Zweck des Remixens ja anderer Natur war, nämlich der, nur die Lautstärke der einzelnen Elemente eines Songs zu verändern. Ich remixe gerne Bands und Songs mit viel musikalischer Essenz, weil mein Spezialgebiet noch immer Dance-Produktionen sind – ich befördere gerne Radio-Songs zu Stücken, die im Club funktionieren! Anders verhält es sich mit Remixen von meinen Tracks, die möchte ich gerne von interessanten Künstlern bearbeitet haben, die meine ursprüngliche Idee in ein anderes Licht rücken. Ich möchte hier wieder auf den aktuellen „Shadow Dancer“-Remix meines Album-Tracks „What is Techno“ verweisen: Die Jungs haben die gesamte Stimmung des Tracks komplett verändert, obwohl die Vocals 1:1 übernommen wurden. Der Moment, in dem ich einen Remix das erste Mal anhöre, ist unheimlich spannend für mich!

Wie sieht dein Spielplan für 2012 aus? Auch gerade in Bezug auf die Phase nach der Album-Veröffentlichung?

Nach dem Album wird erstmal fleißig weiter getourt und zwar unter anderem ins Magazzini Generali nach Italien, zum Spring Festival in Graz, Weekend / Berlin und auch eine Mexiko-, Brasilien- und Australien-Tour ist im Programm. Ich werde mein Live-Setup ständig verbessern und erweitern – als nächstes wird wahrscheinlich ein iPad hinzukommen, mit dem ich mittels einer Software namens Touch OSC diverse Effekte in Ableton steuern werde. Ende des Jahres kommen dann Remixe von anderen Künstlern raus, auf die ich selber schon sehr gespannt bin! Eventuell kommt das ganze auf eine Doppel-CD.

Was bevorzugst du: Clubs oder Festivals?

Beides in gleichem Maße, immer dasselbe würde mich eventuell langweilen. Eine Mischung aus großen sowie kleinen Clubs und Festivals ist mir am liebsten! Allerdings muss ich dazu sagen, dass mein Live-Act, mit dem ich das Album präsentiere, besser auf Festivals und in großen Clubs funktioniert. In kleineren Clubs lege ich lieber auf.

Viele halten Berlin für den Techno-Nabel der Welt. Du auch?

Ja durchaus! Der Grund dafür ist ganz einfach, dass man dort viele Produzenten und DJs treffen kann. Einige wohnen dort oder sind für einen Auftritt zu Gast. Desweiteren sind wichtige Firmen der Szene wie Native Instruments, Ableton oder Beatport in Berlin angesiedelt, ein persönliches Treffen macht viel aus. Von den tagelangen Party-Exzessen, die in Berlin stattfinden, bekomme ich jedoch nicht sehr viel mit. Ich treffe mich lieber im Studio oder Café. Ich bin ja ohnehin schon an den Wochenenden mehr als genug in Clubs unterwegs!

Inwieweit ist das Internet, genauer gesagt sind die Social Medias, für dich ein wichtiger Bestandteil deiner Fanbase-Pflege?

Das Internet ist enorm wichtig für mich. Ich bin dort sozusagen hineingewachsen und kann es mir nicht mehr ohne vorstellen – ich nutze es aber nur für musikrelevante Themen! Ich poste zum Beispiel keine privaten Sachen. Ich mag die Möglichkeit, dass die Fans mir Fragen in meinen öffentlichen Posts stellen können, ich beantworte das in der Regel auch immer. Was ich jedoch nicht mache ist, private Messages auf Soundcloud oder Facebook zu lesen – das wäre viel zu zeitaufwendig.

In internationalen Magazinen spielst du fast eine größere Rolle als bei der heimischen Presse. Wie erklärst du dir das?

Das hatte seinen Anfang beim Future Music Magazine, wo ich mal angefragt wurde, einen kleinen Artikel über Akustik zu schreiben. Ich kannte und mochte das Magazin schon seit meiner Zeit in London. Sie haben auch von Beginn an meine Riemann Kollektion-Releases gefeaturet, deswegen kannten sie mich. Im Dezember 2011 waren dann der Chefredakteur Daniel Griffith und sein Kollege bei mir im Berliner Studio und haben einen sehr ausführlichen Studioreport und ein paar Sessions mit mir aufgenommen, bei denen ich ein paar kleine Production-Tricks zeige. Die Videos sind auf meinem YouTube-Kanal (FlorianMeindlMusic) zu sehen.

Mit seinem ersten Cover bei einem deutschsprachigen Magazin hat Florian nun diese Hürde auch genommen. Wir haben seine Ambitionen gehört und sind gespannt, was in Kürze von Herrn Meindl noch so alles folgen wird…

www.florianmeindl.com