Karotte – Guude meine Lieben…
“Ich wurde von den Ravelinern gefragt, ob ich nicht jetzt auch ab und an eine Kolumne schreiben könnte und euch allen meinen Senf zu irgendwelchen Themen, die mir gerade so einfallen, mitzuteilen. Na, wer mich kennt, der weiß, dass ich ganz gut im Labern bin – aber Schreiben? Ok, ich probier’s halt mal und hoffe, dass es jetzt nicht ganz so schlimm ist und ich nachher keine Schläge von den hier Angesprochenen angedroht bekomme.
Also, mir geht ja seit Monaten dieser ganze 90er-Eurodance-Schrott aus den Staaten völligst auf den Zeiger. Alle R&B-Künstler machen einen schlimmen Dancesong nach dem anderen. Das grausigste Dancefloor-Gehacke überschwemmt die Clubs in Europa. Man sampelt sich schamlos durch 20 Jahre elektronische Techno- und House-Geschichte und feiert sich auch noch ohne Ende selbst dabei ab. Auch eine Madonna produziert von Mal zu Mal schlimmere Dancefloor-Kacke und kollaboriert mit den angeblichen neuen Housestars der Szene.
Angebliche House-Produzenten machen gemeinsame Sache mit den HipHoppern bzw. umgekehrt und meinen dann, es sei der neueste Scheiß. Und wir in Europa bekommen wieder die volle Breitseite ab. Das Schlimme dabei ist – wir machen auch noch mit!
Dann spielen sie auch noch auf allen großen Festivals. In den 90ern wären unsere europäischen Dancefloor-Acts wie Vengaboys, La Bouche etc. niemals für ein Festival mit Größen wie Carl Cox, Richie Hawtin oder anderen gebucht worden. Undenkbar und gut so.
Viele denken vielleicht, dass dadurch jetzt endlich der Markt in Amerika für uns erschlossen wird und die Kids da drüben durch dieses ganze Gehacke auch langsam auf den Geschmack für gute elektronische Tanzmusik kommen. Aber das bleibt abzuwarten, denn wir schmeißen halt keine Torten in die Gesichter unserer Gäste. Wenn die das auch noch toll finden, will ich die nicht wirklich als meine Crowd. Sorry, aber das ist totaler Crap. Trotzdem Respekt an Herrn Aoki – toller Wurfarm!!! Du hast immer voll auf die zwölf getroffen und das aus der Entfernung!!!
In den 60ern hat man auf’m Rummel Geld dafür bezahlt, jemanden eine Torte ins Gesicht zu werfen. Heute bezahlen die Leute richtig Asche, damit sie vom Artist ‘ne Torte in die Fresse bekommen. Eben hab ich noch erfahren, dass der Aoki das jetzt überall macht und in seinem Technicalrider mittlerweile 3 Torten stehen hat, die er für jeden seiner Auftritte haben will – wie letztens geschehen im Cocoonclub. Und die Leute fanden es großartig – mit Torte in der Fresse. Was kommt als nächstes? Das will ich mir gar nicht ausdenken und hier erst recht nicht schreiben.
Auch spielen viele dieser angeblich großen House-Stars gerade mal 90-Minuten-Sets – wenn man das überhaupt noch auflegen nennen kann, denn bei all dem Crowdsurfen, Torten schmeißen und sonstigem Mist mixen die doch gar nicht mehr. Mir kommt es vor, als liefe da meistens ein vorgefertigter Mix (auch dafür gibt es ja genug Beweis-Videos auf YouTube).
Ok, ich selbst steige ab und an auch auf’s DJ-Pult, wenn Laurent Garnier auflegt und tanze bei ihm zu Silvesters “You Make Feel” – so mal wieder geschehen auf der Time Warp in Mannheim dieses Jahr – und es gibt davon wieder massig Videos (Na wo wohl? Auf YouTube). Aber hey, das geht schon ok, wenn es so eine großartige Stimmung hat wie an jenem Morgen.
Das Ganze hat meiner Meinung nach nichts mehr mit DJing zu tun und in den Clubs nichts verloren. Als Konzert in einer Halle kein Ding, da es wirklich mehr Konzertcharakter hat als sonst was.
Die Ibiza-Saison geht auch bald los und dieses Jahr werden die Ushers und Snoop Doggs dieser Welt dort Auftritte haben und ein noch gruseligeres Klientel dorthin ziehen als im letzten Jahr. Na dann, viel Spaß! Schuster bleibt bei euren Leisten, ihr könnt gerne neue Sachen ausprobieren, aber doch bitte uns nicht den 20 Jahre alten Eurodance-Schrott als neu verkaufen!
Skrillex ist auch so ein Hype, den ich nicht ganz verstehe. In Amerika wird er als Godfather des Dubstep gehypet und die Kids fahren weltweit drauf ab und denken, das ist Dubstep! Ok, wenn es die Medien so schreiben, muss es ja so sein. Aber neu ist das nicht, was der macht. Er verwurstet auch nur aufs Nervigste alte Rave-Platten und die Kids denken, es wäre der heißeste Scheiß. Muss ich nicht verstehen, bin ich wahrscheinlich zu alt für.
Ich bin gespannt, wo das noch alles hinführt. Mein Ding ist es jedenfalls nicht und daher steh ich dem Ganzen auch sehr kritisch gegenüber. Aber leben und leben lassen. Ich bin froh, dass ich nicht auf solchen Festivals auflege, obwohl: Letztes Jahr “Sea Of Love” mit Herrn G. – da sind die Leute sonntags auch erst 30 Minuten vor seinem Set wie eine Viehherde aufs Gelände getrabt und direkt an unserer Stage vorbei. Das war schon lustig anzusehen, aber das brauch ich nicht noch einmal.
Also, in diesem Sinne, wir sehen uns auf Festivals ohne den neusten Ami-Eurodance-Schrott und vielleicht lesen wir uns auch hier wieder. Ich geh jetzt ins Studio und mach eine neue, amtliche Version von „We´re Going To Ibiza“ von den Vengaboys. Denn darauf warte ich eigentlich noch für die anstehende Saison auf der Insel!!”
Euer Karotte







