Kemper Profiling Amp – Realitätsdieb

Virtuelle Gitarren-Rigs sind eine unglaublich praktische Erfindung, wenn es darum geht, guten Gitarrensound auf einfachem Wege schnell in die eigene Produktion einzubinden. Außerdem eignen sie sich hervorragend, um auch andere Klänge eindrucksvoll zu verdrecken oder einfach organischer zu machen. Nur die Saitenzieher-Zunft konnten diese aus Bits und Bytes bestehenden Gesellen noch nie so ganz überzeugen. Die Lebendigkeit ihrer haushohen Verstärkertürme, das Gefühl, wenn einem die 4×10 um die Hosenbeine bläst, das spezifische Verhalten des eigenen Amps, das konnten die digitalen Simulationen bislang nicht bieten.
Wäre da nicht ein kleiner aber inzwischen weltbekannter Synthesizer Hersteller aus dem schönen Ruhrpott, der schon vor Jahren mit einem virtuell analogen Virus die Synthesizer-Szene in Bewegung brachte und nun – unter anderem Namen – Gleiches mit der Gitarrenwelt beabsichtigt. Der Kemper Profiling Amp soll alles anders machen.
Was aber macht ein Profiler? Wo liegt der Unterschied zu bisherigen Simulationen? Zunächst einmal ist der Profiling Amp ein solides Stück Hardware. Etwa in Form und Größe eines alten Kofferradios, kann er live und im Studio eingesetzt werden. Der Profiling Amp kann zuhören. Zuhören und ungeheuer schnell rechnen. Was er tut, erklärt sich am einfachsten, wenn man die Schritte beim Profiling betrachtet.
Man nehme einen amtlichen Gitarren-Amp, eine Gitarre, ein gutes bis sehr gutes Mikrofon, und baue das ganze so auf, als wollte man den Amp für eine Aufnahme einrichten. Sind optimaler Klang und Mikrofonposition gefunden, stellt man dem Profiler diese Signale zur Verfügung und lässt ihn auf das Setup los. Was nun folgt, ist eine Reihe von Testsignalen, mit denen der Profiler das Verhalten des Amps analysiert. Das Ganze ist ziemlich laut und klingt ein Wenig nach Alienbesuch. Danach weiß der Kemper, was der Amp tun würde, wenn man ihn mit einem echten Gitarrensignal füttert. Schließt man nun seine Gitarre an den Profiler an, klingt es am Ausgang so, als spiele man gerade über die profilierte Kombination. Nach ein bisschen Finetuning ist der Unterschied zwischen Amp und Profiler nicht mehr hörbar. Nun können die weiteren Features des Profiling Amps genutzt werden. Die Klangeinstellungen lassen sich genau so bedienen, wie man dies am Amp machen würde. Bodentreter wie Chorus, Delay, Booster, Distortion etc. sind direkt am Gerät abrufbar und können in Ketten von bis zu acht Effekten abgelegt werden. Die Bedienung jedenfalls ist absolut logisch und nahezu selbsterklärend gelöst und wird durch viele bunte LEDs sinnvoll unterstützt.
Da bereits 200 Verstärker-Box Kombinationen mitgeliefert werden und unzählige weitere von anderen Usern aus dem Netz heruntergeladen werden können, stehen einem sofort nahezu beliebig viele Gitarrenverstärker zur Verfügung. Dies ist besonders im Studio eine wahre Erleichterung, da die perfekte Kombination aus Einstellung und Mikrofonposition ja schon gefunden und als Profil im Kemper abgelegt ist. Mühsames Aufbauen und einrichten entfällt also. Und das klangliche Verhalten, die Ansprache und die Reaktion mit der der Profiling Amp auf Signale reagiert, ist tatsächlich direkter und natürlicher, als es bei einem Plug-In der Fall wäre. Man hat viel mehr das Gefühl mit einem wirklichen Verstärker zu spielen. Und diese Stärken spielt der KPA auch aus, wenn man ihn mit anderem Klangmaterial füttert. Lead oder Bass-Sounds, aber auch viele Effektklänge lassen sich mit dem KPA zusätzlich beleben und mit organischer Textur versehen.
Das es sich beim Profiling Amp um ein vollprofessionelles Musikinstrument handelt, wird nicht nur beim Klang klar, sondern auch, wenn man die rückwärtigen Anschlüsse betrachtet. Was es hier nicht gibt, braucht vermutlich kein Mensch. Kurz zusammen gefasst tummeln sich auf der Rückseite: Return Input (XLR und Klinke), Alternate Input (Klinke), Monitor Out (XLR und Klinke), Stereo Master Out (2x XLR und 2x Klinke), S/PDIF in und out (koaxial), MIDI In/Out/Thru, 2x Pedal, Network sowie USB (A und B). Der Main Input befindet sich verstärkertypisch auf der Frontblende des KPA.
Fazit
Der Kemper Profiling Amplifier ist für seinen Straßenpreis von etwa 1.500 Euro ist also definitiv nicht eine weitere Interpretation des Themas Verstärkersimulation, denn hier wird nicht mit physikalischen oder elektronischen Modellen gerechnet, sondern das Verhalten einer spezifischen Kombination analysiert und auf das reale Signal übertragen. Dies kann der KPA nicht nur so perfekt, dass sich auch im A/B-Vergleich keine Unterschiede ergeben, sondern er bringt es auch fertig, das analysierte Signal nach Box und Top zu trennen und separat zur Bearbeitung anzubieten. Er ist absolut live-tauglich, wenn man sein Signal direkt an das Pult liefert, und wer Druck auf der Bühne braucht, kann mit einer neutralen Endstufe und einer ebenso neutralen Box nachhelfen. Dass unserem Testgerät nur eine Bedienungsanleitung beilag, die mir spanisch vorkam, betrachte ich mal als sportliche Herausforderung an den Tester. In der Serie sieht das anders aus. Eindeutig 110 Punkte von 100 Möglichen!
Text: Steffen Schüngel






