Mad Musician – Angriff der Eigenständigen
Frank Müller ist in der Technoszene kein Unbekannter. Als Beroshima weltweit ein gefeierter Act, als Betreiber des altehrwürdigen Label Müller Records der Herausgeber für Künstler wie Rok, Autotune, DJ Tasaka, Hawkinson oder Beroshima himself. Das Berliner Imprint bekommt nun „Konkurrenz“ im eigenen Hause. Mad Musician soll er heißen – der neueste Streich. Mit „Emphasis“ und „Horizon Remixes“ hat Frank sein neues Label bereits mit zwei Tracks bestückt, es wird in Kürze weiter gehen – Schlag auf Schlag. Das hat der Berliner schon bei der Vorbesprechung verraten…
Mit Müller Records betreibst du seit 1996 eines der etablierten Techno-Label der Szene, nun – nach 16 Jahren – legst du mit Mad Musician nach. Was ist die Idee dahinter?
Meine Musik und mein Geschmack verändern sich ständig. Ein und dieselbe Musik über Jahre hinweg zu veröffentlichen, macht wenig Sinn. Einige der Müller-Artists machen inzwischen etwas völlig anderes, gar nichts mehr oder gehen anderen Berufen nach. Ich möchte nur nicht mehr mit Hobby-Musikern arbeiten. Wie der Name Mad Musician schon sagt, sind es ausschließlich Produktionen von Produzenten, von Musikern, die eigenständig im Studio arbeiten und das auch als Handwerk verstehen. Sie müssen nicht verrückt sein, sind es aber auf ihre Art ohnehin. Der gesunde Menschenverstand sagt einem manchmal “mach was anderes”, aber unsere Liebe gehört nun mal der Musik. Veröffentlicht werden in erster Linie eigene Produktionen aber auch welche von Musikern, deren Arbeit ich sehr mag, wie z.B. Ulrich Schnauss, Ken Ishi, Funk D´Void, Detroiter wie Kirk Degiorgio oder auch viel versprechende neue Artists wie Dürer Stuben aus Berlin – Künstler, die manisch ihre ganze Energie und oft auch das wenige Geld in Musik und teures Equipment stecken. Mad Musician lässt mir mehr Freiraum, da es als neues Label keinen Ballast vergangener Jahre mit sich herumschleppt. Das betrifft eigentlich alle älteren, etablierten Label. Es gibt nur ganz wenige Ausnahmen, die es geschafft haben, unabhängig vom Label-Profil die gesamte Bandbreite zu veröffentlichen. Mute aus England zum Beispiel. Ich hoffe, dass wir es schaffen, auf Mad Musician verschiedene Richtungen zu releasen, ohne Verwirrung zu stiften. Das Schubladendenken der Plattenkäufer ist nicht unbedingt hilfreich, wenn man auf einem Label guten Techhouse neben gutem Techno oder gutem Electro platzieren möchte. Vorraussetzung dafür ist aber erst mal, dass das Label einen Namen hat, der eben nicht den Namen eines der Protagonisten trägt!
Ist es zugleich das Ende für Müller oder geht es dort simultan weiter?
Es geht simultan weiter, da das Eine mit dem Anderen nichts zu tun hat. Auf Müller erscheinen weiterhin noch Techno EPs und auch Alben von nahestehenden Artists, die auf Mad Musician musikalisch deplatziert wären. Andererseits bin ich davon überzeugt, dass es besser ist, alle vorhandene Energie in ein Projekt zu stecken.
Wenn du beide Herangehensweisen vergleichst, Mitte der Neunziger und anno 2012, worin unterscheiden sie sich?
Musikalisch hat sich in den letzten Jahren viel getan. Jeder kann heute ohne viel Aufwand Musik machen und auch veröffentlichen. Dass, wovon wir alle immer geträumt haben. Andererseits hat der ausufernde Musikmarkt finanzielle Einbußen zur Folge. Heute kann sich z.B. Reisbauer XY in Vietnam jede Art von Musik auf sein Handy runterladen, egal wo und wann. Toll. Jedoch, den Kopf aus der Release-Flut von wöchentlich 1.000 meist belangloser Veröffentlichungen zu stecken, wird zunehmend schwerer. Mit Musik Geld zu verdienen oder zumindest davon leben zu können, ist ohne Gigs so gut wie unmöglich. Nicht die Musiker bekommen die lukrativen Gigs, sondern die DJs oder Acts, die es schaffen, sich im Internet zu vermarkten. Es gibt mehr und mehr Promoter, die eher darauf achten, ob ein Artist 100.000 gekaufte Likes auf Facebook vorweisen kann, anstatt sich mal damit zu befassen, was der oder die eigentlich produziert hat oder auflegt. Das etablierte Artists, die nachweislich eine große Fangemeinde haben, weniger bekannt oder beliebt sein sollen als irgendwelche Titten-DJanes oder Facebook-Junkies aus Russland oder sonst woher, wage ich zu bezweifeln.
Was kann man heutzutage nicht mehr machen – was muss man zum Glück nicht mehr?
Man muss heutzutage kein teures Studio mehr besitzen, um gute Produktionen abzuliefern. Und man muss keine 25 Kilo schweren Plattenkisten mehr schleppen, wenn man nicht will.
Im Vorfeld hast du davon gesprochen, dass zum Beispiel Fund D’Void, Ulrich Schnauss oder Ken Ishi auf Mad Musician erscheinen werden. Hast du bereits Material oder sind das diese Deals, die man Backstage für kommende Kooperationen abschließt?
Die ersten beiden sind ja nun schon releast. Von Funk D´Void kommt noch mehr, auch von Ulrich Schnauss werden weitere EPs folgen. Das nächste Release kommt von Ken Ishi und es folgen weitere interessante Artists wie Araph aus Japan oder Engineers aus England, die wiederum von den Dürer Stuben geremixt werden. Alles Musiker, die eigenständig im Studio arbeiten.
Du beginnst, ähnlich wie damals, mit zwei eigenen Releases auf Mad Musician…
Irgendwann musste ich ja anfangen und das geht am Besten mit eigenen Releasen und Remixen.
Zahlreiche Labels kämpfen auch noch in diesen Tagen mit der Internetpiraterie. Wie stehst du zu dieser Problematik? Manchmal pushen Downloads ja auch Verbreitung und Bekanntheitsgrad.
Die, die alles umsonst haben und keinen Cent für Musik ausgeben wollen, sind mir ohnehin egal. Sie würden sowieso nichts kaufen und mich über Leute zu ärgern, denen ohnehin jeder Respekt für Musik oder ein gewisses Rechtsbewusstsein abgeht, halte ich für sinnlos. Es gibt genügend Leute, die Online Musik kaufen, sei es digital oder im Vinylstore. Legale, freie Downloads oder Streamings gehören dazu und dienen der Verbreitung.
Du bist gerade auf dem Sprung nach Japan. Was ist der Anlass?
Ich bin auf Tour in Südostasien: Bangkok, Manila , Yokohama usw. Die Tour ist relativ kurz und kompakt und übrigens die erste Mad Musician-Tour als Frank Müller und nicht als Beroshima.
Als Japan-Experte hast du beide Musikszenen sicher im Blick. Was sind die augenfälligsten Unterschiede zwischen Techno im Land der aufgehenden Sonne und hier auf dem europäischen Kontinent?
Tokyo hat für seine Größe und im Vergleich zu Berlin relativ wenig Clubs. Andererseits genießt Japan in Asien, aufgrund eines gewachsenen, kreativen und hochgradig professionellen Musikmarktes, eine absolute Ausnahmestellung. Die Eintrittspreise sind auf Ibiza-Niveau und manche Festivals sind unglaublich gut organisiert. In China oder auf den Philippinen sind Lizenzgebühren oder ähnliches nicht vorhanden. Fast alle versuchen, Japan zu kopieren. Es ist ein wunderschönes Land. Wenn da nicht diese Atomruine wäre.
Bist du in der aktuellen GEMA-Debatte eher mittendrin oder nur stiller Beobachter?
Hmm.. GEMA = Gesellschaft erbarmungsloser monetärer Ausbeutung? Die GEMA hat schon ihre Berechtigung. Trotzdem bin ich ein großer Befürworter für einen massenhaften Austritt. Die aktuelle Diskussion halte ich von beiden Seiten für obsolet, am Thema vorbei diskutiert. Die GEMA ist von Grund auf renovierungsbedürftig. Ich trete aus der GEMA aus und melde mich in England an. Dort erhalte ich detaillierte Auflistungen über Radio Play, sekundengenaue Abrechnungen über TV-Präsenz oder sonstiges und all das auf Knopfdruck. Bei der GEMA muss “erstmal jemand in den Keller und die Akten raussuchen“ – das ist O-Ton!!! Im Jahre 2012 einfach unfassbar. Eklatant finde ich die unterschiedliche Bewertung von klassischer E-Musik und unserer U-Musik. Ich möchte wetten, dass die völlig überzogenen Gehälter der GEMA-Geschäftsführung eher von U-Musikern eingespielt werden. Da können ehrliche Musiker nur von träumen. Um die Einkünfte der GEMA-Bosse zu sichern, müssen nun halt die Clubs dran glauben. Genauso, wie sich die Musikindustrie plötzlich am GVL-Honigtopf bedient und fehlende Einnahmen erschlichen hat, geht’s nun den Clubs an den Kragen, die sich kaum wehren können.
Wie teilt sich Frank Müller seine Woche ein? Familienvater, Produzent, DJing, Label. Welches Ressort erhält hier welche Aufmerksamkeit?
Ich genieße jede Minute, die ich mit meinen Kiddies verbringen kann und bin froh, dass ich sie jeden Tag sehe. Die Zeit verfliegt ohnehin rasend schnell und ehe man „peng“ sagen kann, stehen die vor einem und wollen den Autoschlüssel. Danach hat man dann wieder mehr Zeit. In den ersten Jahren sind wir wie die Zigeuner durch die Welt gereist, das geht nun nicht mehr.
Man erzählt sich, dass du gerade auch an einem Album arbeitest? Stimmt das? Ist es das Werk, was eigentlich für Ende 2010/Anfang 2011 angedacht war?
„Polyphonication“, das letzte Album von Beroshima, erschien 2011 auf Müller Records. Ein Frank-Müller-Album wird Anfang 2013 auf Mad Musician erscheinen. Außerdem arbeite ich mit Ulrich Schnauss an einem Beroshima-Album und weiteren neuen Projekten.
Wo kann man dich hierzulande in der nächsten Zeit sehen? Sind da Club-Gigs oder Festivals bestätigt?
Soweit ich weiß, bin ich auf dem FEM Festival in Mülheim vertreten. Zudem stehen auch diverse Club-Gigs an.
In diesem Sinne… Wir wünschen viel Erfolg!
Interview: Mo-Ryn







