Moritz von Oswald: The Aesthetics of Sound

Wenn es darum geht, Musik losgelöst von Genregrenzen, Strukturvorgaben oder kompositorischen Regeln zu erfassen und in ihrer ästhetischen Qualität erfahrbar zu machen, ist Moritz von Oswald sicher einer der besten Ansprechpartner. Bereits seit den frühen 1990er Jahren ist der Berliner eine feste Größe im Bereich der elektronischen Musik und hat mit seinem Label Basic Channel, aber auch mit eigenen Produktionen und Kooperationen mit Mark Ernestus, Thomas Fehlmann oder Carl Craig, immer wieder Impulse gegeben, die sich nachhaltig auf die Entwicklung der elektronischen Musik ausgewirkt haben. Basierend auf einem Studium für klassisches Schlagwerk wendete sich Oswald aber schon weit vor der boomenden Techno-Bewegung der Nutzung elektronischer Sounds zu. Dabei ging es jedoch nie um die Abgrenzung elektronischer Musik gegenüber anderen Produktionsformen, sondern immer um die Erweiterung des Raum- und Klangspektrums, um das Zusammenführen der besten Qualitäten aus allen Epochen der musikalischen Entwicklung und letztlich auch um den Spaß am Klang und dem klanglichen Ausdruck.
So steht dieser Tage die neueste Produktion des Moritz von Oswald Trios (Moritz von Oswald, Max Loderbauer und Sasu Ripatti) in den Regalen und lädt zu einer Reise in druckvoll düstere Klangwelten ein, die gleichermaßen von elektronischen wie akustischen Quellen getragen werden. Auf „Fetch“ finden sich vier Tracks mit bis zu 17 Minuten Spielzeit, die in Zusammenarbeit mit Marc Muelbauer und Tobias Freund entstanden.
Dabei ist Bezeichnung „Trio“ durchaus etwas Ungewöhnliches in der elektronischen Musik und verweist mehr auf typische Jazz-Formationen. Moritz von Oswald will dies jedoch nicht als Grenzlinie oder Ausschlusskriterium verstanden wissen: „Es gibt natürlich einen gewissen Bezug zum Jazz, aber was ist denn heutzutage kein Jazz? Musik, die man liebt ist Jazz-Musik. Außerdem ist das ja auch eine Entstehungsform der Musik, anders als bei der früheren klassischen Musik. Wir haben schon eine sehr enge Form der Zusammenarbeit. Drei Leute sind aber immer auch drei Leute, die teilweise eigene Dinge machen. Es ist wichtig, eine kleine nette Gruppe zu haben. Es muss Spaß bringen, zusammen Musik zu machen, aber es ist auch wichtig, dass man kommunizieren kann. Die Ursprungsidee des Jazz-Trios ist bei der Art, wie wir zusammen arbeiten, aber durchaus vorhanden.“
Moritz von Oswald beschreibt die Entstehungsgeschichte der Tracks dabei als natürlichen Prozess, der von der grundlegenden Idee ausgehend eine sehr zügige Entwicklung nimmt: „Die Aufnahmen zu dieser Platte sind ja auch so entstanden. Wir setzen uns ins Studio und dann geht es auf Aufnahme. Wir besprechen kurz eine Grundidee, aber ansonsten gibt es keine Vorgaben, wie etwas klingen soll. Die Stücke ergeben sich dann aus dem Jam, so wie auch Jazz-Stücke entstehen. Dabei macht es dann oft die Perfektion der einzelnen Beteiligten aus, wie sich Dinge entwickeln. Die Synthesizer von Max sind ja alles Spezialgeräte, genau so, wie die Sachen von Delay, die ja teilweise extra für ihn hergestellt wurden. Nichts, was man einfach so im Laden kaufen könnte. Jeder legt Wert auf sein ganz spezielles Instrument, auf das, was er auch am Besten beherrscht.“
Aus dieser Herangehensweise sind Stücke entstanden, die neben musikalischer Lebendigkeit auch eine große Tiefe haben und die beim Hören eine Sogwirkung entwickeln. „Durch die Dunkelheit kommt schon ein gewisser Druck in die Stücke, eine gewisse Deepness. Ich habe versucht, relativ viel Power herzustellen. Aber es geht auch um Dunkelheit und Spaß! Das muss sich ja nicht ausschließen, ist aber sicher auch ganz subjektiv. Es steht aber nicht an erster Stelle, unbedingt eine deepe Platte zu machen. Das ergibt sich einfach oder es ist schon da. Wenn ich zum Beispiel Sounds von Max’ Synthesizer höre, oder auch die Percussion Elemente, dann ist das sofort da und dann kommt es darauf an, dabei zu bleiben, an dieser Perfektion zu feilen. Da ist jedes Element wichtig. Trotzdem ist es auch so, dass wenn wir dieses Set im Club spielen, es den Leuten nicht zu schade ist, auch dazu zu tanzen. Die Stücke können unterschiedlich wirken. Das ist nicht festgelegt.“
Dennoch geht der Sound des Moritz von Oswald Trios über das gewohnte elektronische Genre hinaus, hat Schnittmengen aber auch viele, ganz eigene Aspekte.
„Wenn man sagt, in der elektronischen Musik würde sich alles nur noch wiederholen, finde ich das zu negativ. Die Frage ist: Was findet statt und wo findet es statt? Die Produzenten, mit denen ich zusammenarbeite, machen sehr interessante und vor allem auch geschmackvolle Produktionen, die sich immer weiter entwickeln. Auch ein Carl Craig spielt, wenn er auflegt, ja nicht nur seine präferierten Sachen, das ist dann schon sehr speziell und im positivsten Sinne „let’s have a party!“ [...] Für meinen Geschmack ist es wichtig, ob jemand eine Art von Vertrauen hat in die Ästhetik des Klangs. Wenn jemand kommt, der sich wirklich damit beschäftigt, der gelernt hat, darauf zu achten oder von sich aus darauf achtet. Das ist eine Frage, die ich in vielem erlebt habe, ob in der klassischen oder in der elektronischen Musik. „The esthetic of sound“ und der Groove, das sind Dinge, die mir wichtig sind.“






