Samstag, 25. Mai 2013

Neu im Kino: Wir sind was wir sind


2. Juni 2011 // Kino  

Regie: Jorge Michel Grau
Min.: 90
Genre: Horror
Hauptdarsteller: Paulina Gaitan, Francisco Barreiro, Alan Chávez, Carmen Beato
Start: 02.06.2011

Ein älterer unrasierter Mann in abgerissener Kleidung geht durch ein Einkaufszentrum, sein Gang ist langsam und schleppend, sein Blick leer. Auf der Rolltreppe bleibt er stehen, den Körper gefährlich zur Seite geneigt, aber noch kippt er nicht um. Ist er ein Zombie direkt aus„Dawn of the Dead“, ein Penner oder ein verwahrloster Frührentner? Der Mann wird sterben. Zwei Männer vom Sicherheitsdienst werden kommen und die Leiche wegschleifen, ein Mann mit einem Putzwagen wird einmal fahrig über die Stelle wischen. Die Eröffnungssequenz ist grandios, eine Referenz an Romero, inszeniert, als hätte David Lynch Regie geführt. Doch leider reicht der Film als Ganzes nicht an seine Vorbilder heran, der Horror bleibt letzten Endes an der Oberfläche, die Geschichte gibt nicht mehr her. Der Mann im Einkaufszentrum war, wie sich herausstellen wird, ein Menschenfresser, der vermutlich etwas Falsches gegessen hatte. Nun muss seine Familie ohne ihn auf Jagd gehen, und sie tut sich schwer dabei. Die Mutter schließt sich in ihrem Zimmer ein, die Tochter geistert im Nachthemd durch die Wohnung, der eine Sohn ist zu weich für einen Kannibalen, der andere brutal, aber dumm. Die Situation spitzt sich zu. Kinder zu fangen kriegt der Weichling nicht hin, Schwuchteln mag der Brutalo nicht essen und Prostituierte kommen der Mutter nicht ins Haus. – Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Der Film erzählt all das hart und humorlos in entschlossen düsterem Tonfall. Dieser Zynismus könnte sogar eine Stärke sein, die durchweg als selbstverständlich genommene Gewalt und der mitleidlose Blick auf soziales Elend reichen aus, damit der Film als dreckiger kleiner Horrorstreifen für Genre-Spezialisten mit Arthouse–Erfahrung durchgeht. Zumal er handwerklich, was Kamera, Sounddesign und vor allem Filmmusik (Enrico Chapela heißt der Komponist des Soundtracks und den Namen sollte man sich merken!) angeht, nichts zu wünschen übrig lässt. Doch: Über die Leere der Geschichte ist kein hinwegkommen. Regisseur Jorge Michel Grau ist ein guter Handwerker, aber was das Spiel mit den unterbewussten Ängste der Zuschauer angeht, kann er bei seinen großen Vorbildern noch einiges lernen.

3 von 6