Fritz Kalkbrenner – Exzess und Vernunft

Fritz gehört zu jenen Menschen, denen man früher gerne sein Poesiealbum gegeben hätte. Vielleicht hätte er es dir nicht am nächsten Tag zurückgegeben, vielleicht erst nach einigen Wochen. Doch du weißt, dass sich das Warten lohnt, denn seine Worte sind warm und in Berlin kann es kalt werden, auch zwischenmenschlich. Doch zum Glück gibt es da Fritz und seine Musik, die bei aller Härte des Lebens doch so etwas wie ein Weichmacher ist. Wenn dein Herz blutet, tupft er es dir sorgfältig ab. Sein neues Album liest sich wie ein tröstender Eintrag in dein Poesiealbum, nur dass du dabei im Club bist und mitunter der Putz von der Decke fällt.
Im Vergleich zum ersten Album wirkt „Sick Travellin“ tighter und musikalischer. Was ist für dich der große Unterschied zum Vorgänger?
In erster Linie liegen zwei Jahre dazwischen, in denen viel passiert ist. Wenn ich mir das letzte Album direkt daneben stelle, dann sind die Arrangements schon komprimierter, man lässt manche Sachen nicht mehr so lange laufen. In den letzten zwei Jahren habe ich auch viele Gigs und Festivals vor größerem Publikum gespielt, wo man das so nicht ohne weiteres bedienen kann. Festivalbühne ist nun mal nicht Dancefloor, da kannst du nicht acht Minuten Dubtechno-mäßig an einem Loop rumschrauben. Ebenso ist es auch mein Wunsch, mehr Musikalität reinzubringen.
Das Album ist also weniger dem Dancefloor gewidmet?
Das eine baut auf dem anderen auf. Das letzte Album hatte ja bereits einige Elemente, die die spätere Entwicklung andeuteten, wie z.B. die Verwendung von echten Instrumenten. Es ist einfach meine musikalische Entwicklung, wenn man so will. Irgendwann musste ich das letzte Album loslassen, das war im Oktober 2010, und da war der Wunsch eben schon da, mehr Instrumente live einspielen zu lassen. In Zügen war das schon zu erkennen, aber die Entwicklung seither findet im aktuellen Album ihren Ausdruck. Es ist der Versuch, mit meinen musikalischen Mitteln meinen musikalischen Kosmos in ein Club-Gewand zu packen. Keine Ahnung, wie das nächste Album aussehen wird.
Wie entwickelt sich ein Fritz Kalkbrenner musikalisch? Man hat den Eindruck, du hättest gerne mehr Vocal-Nummern gebracht. Oder ist dir der Wechsel zwischen Vocal- und Instrumentaltrack schon noch wichtig?
Das ist schon gut so. Ich finde die Balance zwischen Vocals und rein instrumentalen Stücken ziemlich ausgeglichen. Würde ich jetzt mehr Vocals bringen, dann wäre die Produktionsseite zu stark in den Hintergrund gerückt. Das wäre zu nah am „Performing Artist“, der nur vorne singt und kaum mehr als Produzent wahrgenommen wird. Es soll schon diese beiden Seiten von mir widerspiegeln. Ich könnte auf der anderen Seite auch ein reines Instrumentalalbum aufnehmen, dazu bräuchte ich nur den Mund halten, aber dann würde ich was unterschlagen, was ich kann.
Die Wahrnehmung als Produzent ist dir also schon wichtig?
Das ist mir schon wichtig. In anderen Bereichen ist das nicht so von Bedeutung, aber die Authentizität ist natürlich viel höher wenn man weiß, dass ich das auch alles selbst produziert habe. Das ist in der Szene wichtig, das darf man nicht unterschätzen. Ich kann mit Vocals, aber auch ohne, das sollte schon so gesehen werden.
Wie beurteilt man als Produzent die eigenen Vocals? Wie ist das mit der Distanz?
Das ist nicht so einfach. Nach den ersten Aufnahmen frage ich mich schon, wie gut oder wie schlecht ich das jetzt performt habe. Wenn es für mich ok ist, dann muss ich es weglegen und will davon erst mal gar nichts wissen. Letztendlich würde ich immer etwas zum Mäkeln finden, aber irgendwann muss ich es abgeben und meinen Seelenfrieden damit finden. Man darf das auch nicht übertreiben mit einer Produktion. Wie glatt soll es denn sein? Das kollidiert auch mit dem, wofür Dancefloor steht, etwas rough darf es ruhig bleiben. Ein bisschen Platz für Imperfektion muss schon noch sein. Hochglanzpolierte Songs will ich gar nicht haben.
Im Booklet zur neuen Platte schaust du nachdenklich in den Spiegel. Wen siehst du da?
Naja, immer noch mich (lacht!). Die letzten beiden Jahre waren schon turbulent, aber es ist nicht so, dass ich mich nicht mehr wieder erkenne. Ich mache das schon sehr lange und hatte spät mein Debütalbum, also die Bodenhaftung verliere ich sicher nicht. Ich bin da mit der Entwicklung mitgewachsen. Es ist mir noch ziemlich präsent, dass ich auch mal vor 50 Leuten gespielt habe.
Deine Musik ist ja eher amerikanisch geprägt, Stichwort Soul und Funk. Wirst du im Ausland trotzdem als deutscher Künstler wahrgenommen?
Naja, für im besten Sinne deutsch hält man schon etwas klinischere Musik, so Maschinenfunk. Das geht mit Kraftwerk los und über Moritz von Oswaldt und so weiter. Meine Musik ist schon schwärzer geprägt, aber weil es mit meiner Person verknüpft ist, wird das im Ausland vielleicht als was Neues adaptiert. Ich glaube, es findet gerade eine Neubewertung statt, was der deutsche Sound ist.
Im Gegensatz zu früher hat sich vor allem in Berlin die Künstlerszene stark verändert, es gibt unheimlich viele Künstler aus aller Welt, die mittlerweile hier beheimatet sind. Kann man da überhaupt von einem Berlin-Sound sprechen?
Ich gehöre als Ur-Berliner zu einer Minorität in der lokalen, elektronischen Musikszene. Ich habe das Gefühl, die komplette kanadische Musikszene bis auf Akufen ist mittlerweile in Berlin (lacht!). Es ist mehr der Ort, wo man zusammenkommt, was vielleicht heute den Sound ausmacht. Ich kann die Stadt geil oder scheiße finden, es bleibt einfach meine Heimat. Es ist eine alte Industriebrache und da haben sich eben gewisse Sounds entwickelt, siehe Detroit. Das Umfeld prägt deine Musik schon, aber nicht vordergründig. Ich denke da nicht ständig dran, auch nicht wenn ich einen Text schreibe. Den Einfluss Berlins nehme ich nicht bewusst war, eher unterbewusst. Das legt sich so in meinem Hinterkopf ab, ohne dass ich das möchte.
Ein Lied wie „Get A Life“, eines der Highlights, könnte textlich wirklich eine Referenz an Berlin und sein Nachtleben sein.
Es ist der „most catchy“-Song, oder? Viele Dinge sind ja zweischneidig, es geht da eher um die Querelen des Lebens und wie man dann doch da durchkommt. Es ist eigentlich ein sehr lebensbestärkendes Lied. Das Leben ist nicht leicht, aber man bekommt es irgendwie hin. Das ist aus so einer Soul-Tradition geboren, also nach dem Motto: It ain’t right, but it‘s all right. Es gibt ja Nummern, die von schwerer Trauer sind, aber doch lebensbejahend. Das ist so die Schneide bei diesem Song.
Diese Einstellung durchzieht das ganze Album, im Song „No Peace Of Mind“ heißt es „It aint feeling well, but feels so right“.
Ja, das wiederholt sich. Da ging es um eine Auseinandersetzung mit einer Liebe, die nicht funktioniert hat, um die täglichen Querelen innerhalb einer Beziehung. Das sind auch Dinge, die mir nicht unmittelbar jetzt passiert sind, ich schöpfe da aus einem Erfahrungsportfolio, mittlerweile sind ja auch einige Jahre ins Land gegangen. Letztendlich sind die Texte nie eindeutig, die Dinge sind nicht immer nur gut oder nur schlecht. Dafür ist das tägliche Leben einfach zu kompliziert. Ein unreflektiertes Liebeslied geht mir viel zu leicht ans Thema ran. Der Zuhörer ist doch gewitzt genug, um beide Seiten wahrzunehmen. Bitterschön, wie man so schön sagt.
Viele Texte auf dem neuen Album sprechen von fragilen Beziehungen zum Leben oder zu Individuen, vom Schmerz und Leid, aber dennoch baden sie nicht in Selbstmitleid, sondern haben noch einen positiven Ausklang.
Es ist positiv gekleidet, ganz klar. Die Scheiße braucht eine Ausgangstür. Wenn du die nicht aufzeigst, kann man auch in gänzliche Depression verfallen. Man muss sich da selber am Schopf packen und rausziehen können. Es gab Zeiten bei mir, da war der Kühlschrank total leer und kein Job in Aussicht, keine Zukunft. Aber den Antrieb weiterzumachen, darf man nicht verlieren. Man kann sich die Sichtweise ja selber zurechtlegen, also ich mache das dann lieber anpackend statt resignierend. Natürlich gibt es immer Niederschläge, aber egal, einfach weitermachen.
Das Lied „Willing“, im Original von Gil-Scott Heron, entstand im Frühjahr im gleichen Zuge wie „Ruby Lee“ auf der Suol-Compilation. Während ich „Ruby Lee“ sehr gut umgesetzt empfand, habe ich bei „Willing“ das Gefühl, dass die Stimme etwas hetzt, was eigentlich gar nicht nötig ist.
Die originale Version hat 107 BPM, meine Coverversion läuft auf 114 BPM. An der Geschwindigkeit kann man ja drehen, solange du die Noten nicht veränderst. Diese Anhebung wirkt sich natürlich auch auf den Gesang aus. Aber ich kann mit der Nummer eigentlich ganz gut leben. Ich muss auch nicht wie Gil Scott-Heron klingen, weil das ja gar nicht geht. Der war zu dem Zeitpunkt fast 40 Jahre alt und die Schicksalsschläge, die er da bereits erlitten hatte, wünscht man keinem. Ich kann das nur auf meine Art interpretieren und meine eigene Intonation finden.
Gerade dieser Coversong repräsentiert diese eine Facette von dir, auch viel mit echten Instrumenten einzuspielen. Wünschst du dir mal eine echte Band?
Ich muss ja all meine kreativen Seiten auch zeigen und all das auf Club-Musik umzumünzen ist mein Anspruch. Allzu weit, von dem was mich in meiner frühen Zeit beeinflusst hat, möchte ich gar nicht gehen. Ich bin kein purer Soul-Heini, aber auch keine reine Techno-Gurke. Wenn ich nur Soul machen wollte, würde ich es auch machen. Es soll beides repräsentiert werden, ich muss beides zusammenbringen können. Das ist die Schublade, in die ich reinpasse.
Reden wir über den Titel des Albums. Was hat es mit „Sick Travellin“ auf sich?
Das Albumcover nimmt den Titel sehr gegenständlich auf, aber es ist eigentlich etwas verschachtelter. Es geht sicher nicht darum, dass jemand krank und unterwegs ist. Es war ein Gedanke an mich selber, fast schon eine Warnung an mich und andere formuliert. Eine Reise kann ja auch eine Zeitreise sein, also im Sinne gewisser Lebensjahre, z.B. die Reise von 25 zu 35 und wie habe ich mich da bewegt, wie krank bin ich da durchgereist? Im Intro wird das aufgegriffen, also da heißt es „a man is tumbling down“. Wer also unausgeglichen eine Reise beginnt, wird unweigerlich scheitern. In der Club-Szene, wo sich Exzess und Vernunft gegenüberstehen, ist das die Herausforderung. Wir sind ja alle keine Kinder von Traurigkeit gewesen…oder immer noch. Da muss man sich einfach Fragen, ob der Lifestyle so gut ist, den man da zelebriert. Er hat halt seine Vor- und Nachteile. So in diesem Sinne ist der Albumtitel gemeint.
…das erinnert mich an die Textzeile in dem Intro-Song „the night came loud and struck hard“….
Es ist diese fiktive Warnung an einen selber und auch an andere. Es ist wie eine optionale, fehlerhafte Fiktion. Man muss das aber dezidiert sehen, es ist nicht alles gut und nicht alles schlecht. Im Club kann auch alles schön sein, aber man kann es auch leicht übertreiben. In der Bar 25 in Berlin sind auch einige Karrieren den Bach runter gegangen. Früher oder später stellt man sich halt die Frage nach der Balance. Ich drücke das eben lieber mit Musik aus, anstatt mir so was dann ins Poesiealbum zu schreiben.






