Marco Bailey – Techno leben ohne Kompromisse
Seit vielen Jahren ist der sympathische Belgier Marco Bailey ein Top-Player der Technoszene, der regelmäßig in der ganzen Welt auflegt. Er ist an vielen Fronten aktiv, hat unzählige Veröffentlichungen und Remixes auf seiner Habenseite, ebenso wie sein eigenes Label MB Elektronics, auf dem auch schon Joey Beltram, Cristian Varela, The Advent oder Studiokollege Tom Hades ihre Tracks veröffentlicht haben. Bailey steht für straighten Techno, obwohl er auch gerne mal ein Minimal- oder TechHouse-Set spielt. Abwechslung gehört dazu, Hauptsache man macht es mit Herzblut. In diesen Tagen erscheint die nachträgliche Jubiläumscompilation seines Labels, das es jetzt mehr als zehn Jahre gibt. Mit dabei sind Tracks u.a. von Varela, Hades, The Advent & Industrialyzer, Mike Väth, Wehbba und ihm selbst natürlich. Darüber hinaus erscheinen zwei neue Maxis: Congonhas“ auf Tronic und „Tel Aviv“ auf Roomba Music. Zum Gespräch trafen wir Marco auf dem Kölner Flughafen, von wo aus er wie jedes Wochenende seine Reise antritt, um seinen Dienst an den Plattentellern in den Clubs rund um den Globus zu verrichten.
Seit 1999 gibt es MB Elektronics, warum hast du dich damals dazu entschieden, ein Label zu gründen?
„Ich habe ja zu der Zeit schon viel auf diversen Labels veröffentlicht und dachte mir einfach, dass es auch mal schön wäre, sein eigenes Label zu haben. Dann kann man selbst eine Richtung vorlegen und Acts seiner Wahl ins Boot holen. Außerdem schadet es auch nicht, wenn man so etwas in seiner Vita stehen hat.“
Dennoch, ohne Releases auf anderen Labels würdest du deinen Output gar nicht stemmen können, oder?
„Genau, und ich veröffentliche ja auch gerne meine Tracks bei befreundeten Künstlern. Manchmal passt es auch einfach besser, dass ein bestimmter Track eher bei Adam Beyer, Carl Cox oder John Digweed erscheint. Das entscheidet man auch ein bisschen aus seinem Bauch heraus.“
Was für eine Herangehensweise hast du beim Produzieren? Brauchst eine bestimme Inspiration oder Atmosphäre?
„Am bestens einfach loslegen und machen. Man sollte nicht ins Studio gehen und sich sagen: ’So, heute muss ich das und das machen.’ Dann verkrampft man automatisch und das Ergebnis ist fast immer Bullshit. Wenn ich dann alleine ins Studio gehe oder mit Tom, dann gibt es immer schon ein paar Elemente, die man dann einfach weiterbearbeitet und daran herumbastelt.“
Mit Tom produzierst du ziemlich viel zusammen, wie ist es dazu gekommen?
„Wir wohnen gerade mal fünf Kilometer auseinander und jeder von uns hatte sein eigenes Studio. Wir haben dann angefangen, zusammen zu produzieren, bis wir mal auf den Gedanken gekommen sind, unsere Studios zusammenzulegen. Und dadurch haben wir dann immer mehr an gemeinsamen Tracks gearbeitet. Aber wir arbeiten nicht nur viel zusammen, wir sind auch gute Freunde.“
Deine musikalischen Anfänge liegen nicht im Bereich Techno…
„Das ist wahr, los ging es bei mir mit Trance, doch das wurde mir dann zu kommerziell und ‚cheesy’, und ich fühlte mich dann mit Techno wohler. Ich habe in dieser Zeit Laurent Garnier auflegen sehen, das hat mich sehr beeindruckt und meinen Drang zu Techno bekräftigt.“
Wie war die Situation damals in Belgien?
„Obwohl wir ein kleines Land sind, hatten wir eine ziemlich gute Szene, vor allem war natürlich R&S Records ein Aushängeschild und lockte unzählige internationale DJs an, die dann dort ihre Tracks veröffentlichten.“
Und wie sieht es heute aus?
„Nun, es gibt noch ein paar gute Clubs und Events, aber es ist wie überall, die kommerziellen Sachen vereinnahmen das große Publikum, das gerne auf leichte Kost steht, wenn möglich mit Gesang. Die Techno-Szene tut sich schwer damit und muss vielleicht auch wieder undergroundiger werden.“
Ist das denn überhaupt möglich?
„Das weiß ich beim besten Willen nicht, leider habe ich keine Glaskugel, die mir Tipps geben kann. Das Wichtigste ist allerdings, dass wir weiterhin das Beste daraus machen, dass wir das machen, was mir wollen und mögen und uns nicht verbiegen lassen.“
Du lebst in der Nähe von Brüssel, bist aber immer unterwegs in vielen Ländern. Hast du schon mal daran gedacht, ins Ausland zu ziehen?
„Ja, tatsächlich plane ich das gerade. Ich werde nach Spanien ziehen, die Atmosphäre, das Wetter… einfach besser. Und einer meiner besten Freunde, Cristian Varela, wohnt in Madrid, wobei ich allerdings noch nicht sicher bin, ob ich auch nach Madrid ziehen werde. Aber das ist schon ein schwieriger Prozess für mich, meine Freunde, mein Studio und mein Haus zu verlassen.“
Wo wir gerade bei Spanien, auf Ibiza legst du diesen Sommer bestimmt auch wieder auf, oder?
„Ja, morgen fliege ich hin, mit meiner Frau. Nach dem Gig bleiben wir auch noch 2-3 Tage.“
Erinnerst du dich, wann du das erste Mal auf Ibiza aufgelegt hast?
Das war 2002 oder 2003 auf einer Cocoon-Party. Die waren damals schon sehr groß, aber die wachsen ja immer weiter. Aber auch die Carl Cox Nächte im Space sind großartig. Ich denke, das sind schon die beiden wichtigsten Clubnächte der Saison.“
Gerade warst du in Japan. Man hört ja verrückte Dinge über die dortige Clubszene…
„Es ist großartig. Ich bin einmal im Jahr dort und vor allem in Tokio ist die Crowd einzigartig – so was habe ich nirgends sonst erlebt. Da geht wirklich jeder ab, der ganz Club tobt. Außerdem ist alles perfekt organisiert und mit bester Technik ausgestattet.“
Apropos perfekt organisiert, die Loveparade findet ja Ende Juli statt, viele haben daran nicht mehr geglaubt…
„Ich war oft dort, aber immer in Berlin. Es ist ein großartiges Event, aber seit sie nicht mehr in Berlin ist, ist auch das Feeling anders und das war früher einfach nur großartig.“
Eure jährliche Parade ist auch bald wieder am Start.
„Ja, die City Parade in Brüssel. Für uns ein sehr wichtiges Event, die von Hunderttausenden besucht wird. Ich spiele dort und freue mich jetzt schon sehr darauf.“
Was macht Marco Bailey, wenn es mal nicht um Musik geht?
„Natürlich mache ich viel mit meiner Frau. Hobbys habe ich auch, aber leider keine Zeit mehr dafür. Früher bin ich mal Motocross gefahren, sogar an Wettbewerben habe ich teilgenommen. Wenn ich heute fahren würde, hätte ich direkt ein schlechtes Gewissen, weil ich dann z.B. den Remix für DJ XY nicht fertig stellen könnte.“
Und wenn du nun eine Extrawoche bekommen würdest, in der du nichts mit Musik machen dürftest?
„Dann würde ich nach Thailand fliegen. Keine Musik, nur Sonne, Ruhe und eventuell ein bisschen Motorrad fahren.“
Du hast vor über zwei Jahren dein letztes Album veröffentlicht, zusammen mit Tom. Können wir bald mit einem neuen rechnen?
„Ich werde nächstes Jahr ein Solo-Album veröffentlichen, aber es ist einfach viel Arbeit. Ich will mir Zeit nehmen und nicht einfach zehn Tracks sammeln und die auf ein Album stecken. Das wäre für mich auch kein Album, sondern nur langweilig, alles würde gleich klingen. Ich bekomme jede Woche unzählige Promos und Alben, da ist so viel Ausschuss bei. Deswegen nehme ich mir die Zeit, die nötig ist und dann bringe ich lieber diverse 12“es heraus. Oder die neue Compilation auf MB Electronics. Das ist für mich auch eine Art Album, mit vielen Facetten und Abwechslung, weil diverse Künstler dabei sind.“
Und wie sieht es in der weiteren Zukunft aus?
„Na, ich hoffe doch dass ich noch mindestens zehn Jahre lang auflegen werde. Manchmal denke ich, es wäre schön einen eigenen Club zu haben, allerdings schreckt mich da die Bürokratie ab. Generell hoffe ich, dass ich der Musik erhalten bleibe. Manchmal denke ich an die Zukunft, doch dann kommt mir sofort wieder die Gegenwart und ich arbeite noch ein bisschen härter, denn das hier ist ja eigentlich das, was ich mein ganzes Leben machen will.“
Text & Interview: Tassilo Dicke









