Samstag, 11. Februar 2012

Massive Attack: Der Zusammenhalt zwischen den Zeilen


11. Februar 2010 // Musikthemen  

massive attack

Ein fernes Grollen… eine ganze Halle hält den Atem an, diffuse und unheimliche Spannung, dann endlich betreten sie die Bühne im Kölner Palladium und das Publikum wirkt befreit… 20 Jahre vorher startete die Karriere von Robert „3D“ Del Naja, Grantley „Daddy G“ Marshall und Andrew „Mushroom“ Vowles. Ihre beiden ersten Alben „Blue Lines“ und „Protection“ haben sie unsterblich gemacht. Aber der große kommerzielle Erfolg hatte auch seine Schattenseiten. Der dritte Longplayer „Mezzanine“ hinterließ schon einige Verstörte und Mushroom verließ danach die Band. Es folgte eine Pause und mit „100th Window“ Nummer vier, allerdings fast im Alleingang von 3D. Nun sind wieder einige Jahre vergangen und „Heligoland“ steht kurz vor der Veröffentlichung. Wieder haben sie sich viele GastsängerInnen ins Boot geholt, denn Massive Attack funktionierten schon immer wie eine Art Kollektiv mit ihren verschiedenartigen Albumgästen. Wichtig war nur, dass man eine gemeinsame Basis hatte. In diesem Fall sind es alte bekannte wie Horace Andy oder Martina Topley Birch und neue Kollaborateure wie Tunde Adebimpe (TV On The Radio) oder Damon Albarn.

Immer wieder blitzt dieses Gefühl auf, dass man es hier mit einer der wichtigsten Bands der 90er Jahre zu tun hat und leider halten sie viele Leute dort auch noch gefangen. Es ist natürlich schwierig für eine Band, sich aus so einer Umklammerung zu befreien und vielleicht ist es das wichtigste Album seit den Anfangsjahren, denn nun wird es sich herausstellen, ob der in den letzten Jahren etwas verwilderte Weg wieder freigekämpft werden kann. Das Potential ist vorhanden, „Heligoland“ ist eindeutig mehr als eine Kopie vom Original oder ein misslungenes Abenteuer. Es ist ein sehr gutes Album. Ein gefühlter Neuanfang für viele Außenstehende, „nichts Neues“ allerdings für Robert, wie er im Interview verriet, denn nach jedem Album drücken sie die „Reset“-Taste.

Das letzte Album „100th Window“ ist sechs Jahre her und entstand eher im Alleingang von dir, Grant nahm sich eine familiäre Auszeit. Wie hast du diese Phase wahrgenommen?

Menschen verändern sich einfach, jeder macht da sein Ding. Die Zeit nach „Mezzanine“ war sehr schwierig, vor allem mit dem Weggang von Mushroom, der ja auch Gründungsmitglied war. Es war ein schwieriger Punkt in unserer Karriere, wo wollen wir hin, wo können wir hin? Grant und ich sind jetzt seit über 20 Jahren befreundet und das ist nicht immer einfach, wenn man beruflich miteinander zu tun hat, gerade im kreativen Bereich, wo jeder seine eigenen Ideen durchsetzen will. In dieser Situation dann eine Balance zu finden zwischen dem, was man will und dem, was für die Band gut ist… das ist schon schwierig und macht dich fast verrückt.

Gab es denn eine Trennung zwischen dir und G?

Nein, aufgelöst haben wir uns nie wirklich. Wir haben jeder für sich selbst angefangen Material zu produzieren und haben es dann zusammengetragen. Ich habe mir dann seine Sachen angehört und meine Tracks dann genommen… (lacht) nein, Scherz natürlich. Wir arbeiten sehr gerne zusammen.

Wie habt ihr euch kennen gelernt?

G hat in einem Plattenladen gearbeitet, bei Revolver Records. Das war damals der beste Laden vor Ort, in dem ich auch regelmäßig anzutreffen war. Wir sind über die Musik ins Gespräch gekommen, haben uns angefreundet und wurden schließlich Partner, wie das damals so war in einer kleinen Stadt wie Bristol…

Was treibt euch nach 20 Jahren noch an? Ist „Heligoland“ nach den turbulenten Jahren auch so eine Art Neuanfang?

Nicht wirklich, jede Platte ist ein Neuanfang. Wir haben nie dort angefangen, wo wir vorher aufgehört haben. Ich denke, wir haben keine konventionelle Art und Weise zu arbeiten, haben nie eine gehabt. Wir haben immer wieder mit verschiedenen Künstlern kooperiert, so dass wir eigentlich vor jedem Projekt die „Reset“-Taste gedrückt haben. Schließlich wollten wir uns auch nicht wiederholen, sondern alles anders machen als beim Vorgänger-Album, mit neuen Blickwinkeln an die Sache herangehen und uns neu erfinden. Nach einer ausgiebigen Tour hatte man das Album auch echt satt, da war man ganz froh zurück auf Null zu schalten. Hinzu kommt, dass es durch die Zusammenarbeit mit den verschiedenen Künstlern keinen festen Zeitplan geben konnte, weil natürlich jeder noch mit seinen eigenen Sachen beschäftigt war und dadurch nicht unbegrenzt und auf den Punkt zur Verfügung stand.

Bei den Hörern eurer Musik, bzw. generell gilt das natürlich auch, gibt es immer zwei extreme Positionen. Die einen wollen, dass man jeden Ton neu erfindet, dass man immer innovativ ist oder eventuell auch noch ein neues Genre erfindet, die anderen wollen dass alles beim Alten bleibt, nur ja keine Veränderung in der Musik. Beides ist natürlich Quatsch, aber wo genau seht ihr euch?

Grundsätzlich reizen die Neuerfindungen mehr, was wir ja auch irgendwie versuchen. Natürlich schaffen wir keine neuen Genres, aber wie gesagt, jede Platte ist ein Neuanfang. Im Grunde genommen geht es nur darum, was du selbst aus deinen Einflüssen, aus deinen Konsumgewohnheiten machst, was du daraus schaffst. Man darf nie stehen bleiben, es verändert sich doch alles. Alleine wie man Platten produziert. In den 90ern haben wir das Mixtape-mäßig gemacht. Musik angehört, gemixt, ausgeschnitten, bearbeitet, zusammengefügt, rumgespielt. Aber dorthin können wir ja nicht zurück, was wir damals im Studio gemacht haben, wofür wir überhaupt auch ein großes Studio brauchten, das kann man heute auf dem Laptop machen und sofort digital veröffentlichen. Das ist doch hochgradig spannend, momentan gibt es wohl keine bessere Zeit für Musik und ihre Vertriebswege im Internet.

Aber kaum einer will dafür zahlen…

Ich glaube nicht, dass die Leute nicht gewillt sind, Geld für Musik zu zahlen. Sie werden immer für Musik zahlen, nur nicht so viel wie früher. Aber da müssen vor allem die Plattenfirmen umdenken, es kann nicht sein, dass sie den sehr großen Teil des Gewinnes aus der Musik ziehen, da muss ein Umdenken stattfinden. Ich wiederhole mich da gerne, man muss sich immer weiterentwickeln, neu erfinden. Wenn du z.B. mit einer Frau fünf Jahre liiert warst, dann drei Jahre nicht und dann kommt ihr wieder zusammen. Nach ein paar Tagen wirst du merken, dass das nicht funktioniert, du bist eben nicht mehr die Person wie vor drei Jahren und machst damit einen Schritt zurück.

Und was hält die „Beziehung“ Massive Attack zusammen?

Wir sind ja schon immer eine Art Kollektiv gewesen mit verschiedenen sozialen, kulturellen und musikalischen Hintergründen. Was uns aber verbindet ist die Liebe zu Basslines, zu melancholischen und traurigen Melodien. Egal ob Reggae, Soul, Punk, New Wave, da ist etwas zwischen den Tracks – nenne es den Groove, die Stimmung oder die Schönheit des Songs – die uns vereint. Was auch immer wir in Zukunft zusammen machen werden, in welche Richtung auch immer, diese Grundlagen sind immer sind die Voraussetzung unseres gemeinsamen Schaffens.

Was macht „Heligoland“ aus, im Gegensatz zu „100th Window“, abseits der eigentlichen Musik?

100th Window“ war produktionstechnisch sehr komplex, das neue Album ist da sehr viel einfacher. Mehr akustische Instrumentierung, natürlicher. Die Balance zwischen Elektronik und Akustik war uns sehr wichtig, als sich gegenseitig befruchtender Kontrast. Vokals, Beats und Bass, alles möglichst simpel halten, das ist direkt eine ganz andere Dynamik mit den verschiedenen Leuten, mit denen wir zusammengearbeitet haben.

Und gibt es aktuelle Strömungen oder Acts, die dich beeinflussen oder besonders interessieren?

Es gibt momentan einige Sachen, die mich begeistern, TV On The Radio, Battles, Clark, überhaupt vieles von Warp oder Border Community und Dubstep natürlich. Das erinnert mich mit seiner Energie ein bisschen an früher.

Ihr seid seit September auf Tour und habt bestimmt schon einiges vom neuen Album gespielt. Wie waren die Reaktionen?

Sehr gut. Wir sind es ja gewohnt, auf der Tour immer neue Sachen zu spielen und die Leute erwarten das auch. Im vorletzten Jahr sind wir auf Tour gegangen mit einem Album was noch nicht fertig war und was wir nach der Tour eingestellt haben. Wir mussten einfach was Neues machen, wir sind einfach stecken geblieben. Was für mich live ausmacht, ist die einmalige Performance. Die Basis ist immer ähnlich, aber jedes Konzert ist eigenständig, wir können ja auch nicht immer mit allen Sänger/Innen zusammen touren. Das ist für alle Beteiligten immer eine neue Erfahrung für die 90-120 Minuten, die man auf der Bühne steht. Das ist mir auch sehr wichtig, ich muss mich einfach auch freischwimmen können vom Album.

Heligoland“ erscheint am 05. Februar bei Virgin / EMI.

Massive Attack Paradise Circus from sabakan on Vimeo.

www.massiveattack.com

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