Raphael Krickow – Welcome To The Robots
Begibt man sich auf die Suche nach dem Ursprung unserer elektronischen Tanzmusik, wird man unweigerlich mit dem Namen Kraftwerk konfrontiert. Doch dies ist lediglich ein Teil der Antwort. Denn weit entfernt vom Chart-Einerlei der gerade endenden Siebziger Jahre des letzten Jahrhunderts, etablierte sich auch der elektronische Sound zahlloser anonymer Studioprojekte in den Undergroundclubs und legte den Grundstein für Alles, was später als House, Techno, Electro und Trance bezeichnet wurde.
Einer, der diese Zeit live miterlebt hatte, ist Raphael Krickow. Er hat es sich nun zur Aufgabe gemacht hat, die Geschichte der elektronischen Dancemusic in all ihren Facetten – fernab der lediglich bisher auf unzähligen 80er-Jahre Compilations erfolgten kommerziellen Vermarktung – wieder erleb- bzw. hörbar werden zu lassen. Denn während heute oft ein Track dem anderen gleicht und das Internet bereits heute weiß, was wir morgen hören werden, gab es vor dreißig Jahren eine Ära, in der die Musik vom Entdeckergeist geprägt war und man klar und deutlich seinen Lifestyle darüber definieren konnte.
Hallo Raphael! Mit der Compilation „Welcome To The Robots“ wandelst du abseits der Disco Boys auf Solopfaden.
Nun, das ist eigentlich darin begründet, dass es sich hierbei um mein Thema handelt bzw. um meine musikalische Vergangenheit, mit der Gordon absolut nichts zu tun hat. Da ich ja im Rhein-Main Gebiet aufgewachsen bin, hatte ich schon sehr früh den Bezug zu dieser Musik, was sich nach und nach zu einer echten Leidenschaft entwickelte. Gordon stammt ja aus einer völlig anderen Ecke.
Wie kam dir die Idee dazu, eine Compilation zu entwickeln, die die Geschichte von dieser Seite beleuchtet?
Die Idee dazu hatte ich schon sehr lange. Und in der Form einer Compilation habe ich das Material für mich privat auch schon vor vielen Jahren auf CDs gebracht, nach Themen sortiert und für Freunde und andere DJs zur Verfügung gestellt. Konrad von Löhneysen von „Ministry Of Sound“ hat das Ganze über irgendwelche Kanäle mitbekommen und mich angesprochen, ob ich nicht Lust hätte, daraus etwas Offizielles zu machen. Da es sich hierbei auch um seine musikalische Vergangenheit handelt, stand einem Release nichts mehr im Weg. Und ich finde, die Zeit war einfach da, diese Lücke zu füllen. Denn eine Kopplung dieser Track gab es bisher nirgends.
Wie bist du bei der Trackauswahl vorgegangen?
Ich fand es machte keinen Sinn, hier bereits alle Themen, die zu der damaligen Zeit maßgebend waren, durcheinander zu würfeln. Der Sound auf der ersten „Welcome To The Robots“ beinhaltet keinen Synthiepop und kein New Romantic, sondern nur den reinen Electrosound, wie er in den Clubs, die ich damals besucht habe, lief. Alles andere möchte ich thematisch Volume für Volume der Serie unterteilen. Die Tracks, die hierauf zu hören sind, sind lediglich die Hälfte des ursprünglich geplanten Materials. Es hat noch nie so lange gedauert, die entsprechenden Lizenzen zu erhalten. Denn teilweise sind die Sachen mehr als dreißig Jahre alt und kaum jemand findet heraus, wo die entsprechenden Rechte dazu liegen. Viele der Acts hatten auch nur eine Platte produziert und verschwanden dann wieder im Nirwana. Nichts davon wurde digital archiviert und geriet schlussendlich wieder in Vergessenheit.
Teilweise knistert und knarzt es auf der Compilation und klingt sehr nach altem Vinyl…
Es ist wahrhaftig ein Großteil davon auf Vinyl. Denn in digitaler Form gab es die Sachen ja zu der Zeit noch gar nicht und 50 Prozent der Tracks waren bis heute noch nie auf irgendeiner Compilation vertreten. Ich hatte auch das Internet durchforstet nach digitalen Versionen, was jedoch zu keinem Erfolg führte, so dass ich im Studio alles selbst digitalisieren musste.
Gibt es Tracks darunter, die du durchaus auch in einem aktuellen DJ-Set einsetzen würdest?
Ja, absolut. Obwohl das natürlich auch eine Generationsfrage ist. Das Spannende an der Sache ist ja, dass, wenn man das hört, aber nicht aus der Zeit kommt, der Effekt der Verwunderung recht groß ist. Nämlich dann, wenn man feststellt, dass der Sound, der heutzutage als aktuell gilt, bereits vor langer Zeit existierte und sich lediglich wiederholt und wie wenig doch in dreißig Jahren dieser Musik eigentlich passiert ist.
Was verbindest du für dich persönlich mit dieser Ära der Musikgeschichte?
Diese Ära war damals natürlich wirklich neu und sehr experimentierfreudig, und man konnte sich dadurch abgrenzen, weil ja nicht alles so wie heute überall verfügbar war. Das hatte schon etwas ganz Spezielles, da es den Sound außerhalb der Clubs nirgends gab.
Stand für dich selbst zum damaligen Zeitpunkt schon fest, einmal selbst Musik zu produzieren bzw. als DJ aufzutreten?
Ich hatte das schon immer vor. Der DJ war für mich schon damals irgendwie der Held. Aber ich hätte mich zu dieser Zeit vermutlich nie getraut meinen Eltern zu erzählen, dass ich jetzt hauptberuflich DJ werde. Den Traum habe ich dann erst viele Jahre später in die Tat umgesetzt.
Könntest du dir vorstellen, mit Equipment aus der damaligen Zeit heute noch zu produzieren?
Ganz sicher nicht, obwohl der Sound damals schon viel lebendiger und kreativer war; was jetzt nicht heißen soll, dass früher alles geiler war. Heutzutage benutzt jeder die gleiche Software, die gleichen Soundpresets, worunter meiner Meinung nach die Musik irgendwie leidet. Nicht umsonst haben sich Depeche Mode oder OMD für die Produktion ihrer aktuellen Alben die Synthesizer ihre Anfangstage wiederbeschafft, um ihrem Sound den unverwechselbaren Touch wiederzugeben.
Hast du einen persönlichen Favoriten unter den Tracks deiner Compilation?
Für mich persönlich waren die „Get Tough“ in der Instrumentalversion von CBIII und die „Take A Bite“ von Eve Electro immer wahnsinnig geniale Scheiben. Womit ich den Rest keinesfalls schlechter stellen möchte. Die „Welcome To The Robots“ ist für mich wie eine Art Doktorarbeit, bei der ich von der Idee über die Grafik, die Trackauswahl bis hin zum Mixing alles im Alleingang durchgezogen habe und gerade bei der Trackauswahl extrem konsequent darauf geachtet habe, dass sich kein Füllmaterial darunter mischt.
Du hattest vorhin bereits angedeutet, dass daraus eine Compilation-Serie entstehen wird. Soll diese als Zeitreise angelegt sein oder wie ist der weitere Werdegang?
Ich werde diese Serie definitiv fortführen, aber keinesfalls als Zeitreise anlegen. Damit wäre ich irgendwann in den Neunzigern angekommen, wo es für mich dann schnell langweilig werden würde, da es aus dieser Zeit bereits unzählige Kopplungen gibt.
Jedoch aus den Anfangstagen der Achtziger findest du so gut wie nichts, was sich ausnahmslos mit dem unkommerziellen Clubsoundbereich befasst. Die nächsten Volumes werden sich hierbei um EBM, Synthiepop und New Romantic drehen, wo ich erneut die Perlen heraussuchen werde, die in den Clubs vor langer Zeit rotierten und die in keinen Charts zu finden waren.
„Welcome To The Robots“ ist am 25. Mai auf Embassy Of Music erschienen.
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