Freitag, 03. September 2010

To Rococo Rot: Abgebildete Spielfreude


19. April 2010 // Musikthemen  

TRR_hoch1

„Ich weiß noch, als wir im Jahr 95/96 mit To Rococo Rot angefangen haben, da wurden wir ganz oft darauf angesprochen, ob wir von Cluster oder von Neu! beeinflusst sind. Aber wir kannten die Sachen nicht und konnten sie auch nirgendwo kaufen, da es die Platten nicht mehr gab. Dann haben wir In Düsseldorf den Klaus Dinger von Neu! besucht und gesagt: Wir werden oft auf deine Musik angesprochen, kennen aber nur La Düsseldorf von NEU! Dann hat er uns die Musik vorgespielt…“

Man mag es kaum glauben, aber To Rococo Rot gibt es mittlerweile schon 15 Jahre. Ermüdungserscheinungen sind dem Trio glücklicherweise fremd, denn Ronald Lippok,  Robert Lippok und Stefan Schneider haben neben all ihren Solo-Projekten auch wieder ein neues Album gemacht. „Speculation“ wurde in ländlicher Abgeschiedenheit, im Faust Studio im baden-württembergischen Scheer, aufgenommen. Auch ist gerade wieder eine umfangreiche Livetour gestartet. Höchste Zeit für ein Gespräch mit der Band. Oder zumindest mit einem ihrer Mitglieder.
Den in Düsseldorf lebenden Stefan Schneider traf ich schließlich an einem sonnigen Märzmittag im Kölner Cafe „Hallmackenreuther“.

Stefan, Du lebst in Düsseldorf, die Lippoks in Berlin. War die Zusammenarbeit bei To Rococo Rot deswegen manchmal problematisch?

Eigentlich war die Distanz nie so ein richtiges Problem. Überwiegend arbeiten wir in Berlin. Aber vor paar Jahren haben wir auch schon mal eine andere Produktion bei mir gemacht. Das neue Album wurde auch bei mir abgemischt. Eigentlich ist die Entfernung gar nicht so schlecht, weil man, wenn man sich dann trifft, ziemlich konzentriert zusammenarbeitet.

Wie kamt ihr denn auf die Idee, das neue Album im Faust Studio aufzunehmen?

Das Faust Studio, in dem wir waren, ist glaube ich nicht das Studio der Band, was bei Fans als legendär gilt. Das steht wohl in Norddeutschland. Jochen Irmler (Keyboarder bei Faust) ist nun schon etwas mehr als zwei Jahre in Süddeutschland und so kam es, dass er uns irgendwann einlud. Es gab dort ein Festival, das ein Freund von ihm organisierte. Die Idee war dann, dass wir für den Auftritt da eine ganz geringe Gage bekommen sollten, aber  zusätzlich zwei Tage das Studio nutzen konnten. Das fanden wir gar nicht so schlecht, da wir sowieso etwas aufnehmen wollten und keinen Plan hatten, wo das geschehen könnte.

Was hat sich denn für euch am meisten bei „Speculation“ geändert, im Vergleich zu den Vorgänger-Alben?

Die hauptsächliche Änderung, im Vergleich zu den Vorgängeralben und der Hotel Morgen EP war, dass wir gemerkt haben, dass wir bisher immer ins Studio gegangen sind und dort die Stücke aus der Improvisation heraus entstanden sind. Als die jeweilige Platte dann herauskam, spielten wir viele Konzerte und merkten, dass die Stücke von Konzert zu Konzert besser wurden. Und da dachten wir: Eigentlich müssten wir wieder vor den Gigs in den Proberaum gehen, neue Stücke entwickeln, sie auf Konzerten spielen und hinterher dann im Studio die Sachen aufnehmen. Die beiden Vorgängerplatten sind ja komplett digital gemacht, mit Laptop etc. Da hatten wir Probleme, die Stücke so auf die Bühne zu bekommen. Daher haben wir uns wieder darauf besonnen, unsere Live-Eigenschaften zu nutzen und gingen wie eine Band in den Proberaum.

Im Vergleich zu früheren Sachen klingt ihr auf dem neuen Album auch irgendwie beschwingter, bandmäßiger…

Wir haben eben auch gehofft dass sich die Spielfreude auch beim Aufnahmeprozess abbildet.

Wie ist bei euch die Arbeitsteilung als Musiker in der Band? Hat jeder seinen festen Bereich in der Band, den ihr dann jeweils abarbeitet?

Nein gar nicht, das hat sich total verschoben. Diesmal habe ich den Mischprozess der Platte übernommen. Bei anderen Platten hat sich da der Robert stärker eingebracht, Ronald hat auf Speculation glaube ich etwas weniger Keyboards gespielt als noch bei „Hotel Morgen“. Solche Sachen ändern sich immer wieder. Gerade wenn einer ein neues Instrument hat und das eingesetzt wird.

Die Lust am Ausprobieren gibt es also nach wie vor bei euch?

Genau. Es gibt keine ganz so festen Rollen, ausser dass Ronald meist Schlagzeug spielt und ich meistens Bass.

Mancher Kollege ordnet euch ja gerne mal der Kunstszene zu. Auf der anderen Seite seid ihr als Band mit Livegigs bekannt.. Gibt es da Gegensätze und Überschneidungen, die euch in eurer Arbeit beeinflusst haben?

Die Kunstecke ist eigentlich so eine Ecke, von der wir dachten, dass wir da gar nicht mal so hineingedrängt worden sind. Ronald und ich haben beide Bildende Kunst studiert. Er in Berlin-Weissensee, ich in Düsseldorf an der Kunst-Akademie. Man hatte also mit darstellender Kunst schon Berührung, bevor man mit der Musik anfing.
Im Laufe der Jahre haben wir dann auch mal Projekte im Kunstkontext gemacht. In Köln auf der Nacht der offenen Museen gespielt (2003). Dann haben wir mit einem Architekturbüro ein ganz tolles Projekt gemacht. Es gibt in Köln ein Haus, das nennt sich „Kölner Brett“. Das Architekturbüro hatte dann die Idee, dass wir einen Soundtrack zum Haus schreiben sollen, der seine Bauweise beschreibt.

Vertonte Architektur sozusagen…

Ja, genau. Wir haben uns dann mal das Haus angeschaut und festgestellt, dass das nur aus fünf Materialien besteht. Da dachten wir: Lass uns einen Soundtrack machen, der nur aus fünf Sounds besteht. Bassdrum, Bass, Synthie, Hihat und so weiter. Und dann versuchten wir analog zur Bauweise des Hauses zwölf Stücke zu machen, denn das Haus bestand aus zwölf Wohnmodulen.

Viele denken ja schnell, dass bei einem solchen Konzept das Endergebnis total verkopft klingt. Aber andererseits ist man ja mit so einer Herangehensweise, wie du sie beschreibst, doch viel näher am Haus dran.

Ja, man kann damit spielerischer umgehen. Wenn man relativ einfache, konzeptionierte Entscheidungen trifft, macht sich die Musik fast schon von alleine.
Dann schaut man mal nicht so sehr auf Geschmack und denkt: Ich hole jetzt mal diese Bassdrum oder jene, sondern man nimmt keine Bassdrum. Damit ist schon mal die Entscheidung getroffen. Aber ich stimme dir auch zu, wenn manche Leute denken, da ist kein Bauch drin, das ist Mathematik…

Auf der Single schlagt ihr durch die Remixe von Shackleton und Traversable Worm Hole die Brücke zum Clubkontext. Wie habt ihr die Remixer denn ausgewählt?

Adam X bzw Traversable Warmhole kannte ich über Hardwax, denn Hardwax vertreibt ja auch die Platten meines Hauntologists Projekts. Die Hardwax Leute gaben mir dann die Traversable Wormhole Platte und ich fand die auch total super. Ich habe Adam dann in Berlin getroffen und einfach gefragt, ob er Lust auf einen Remix für uns hat. Shackleton hat unser Label Domino ausgewählt. Wir kannten aber schon seine „3 Eps“ auf Perlon. Ich finde nun beide Remixe ziemlich toll. Gerade Shackleton hat ja fast schon eine Mini-Oper gemacht und sich das schwierigste Stück genommen.

Verfolgt ihr denn generell die Clubmusik, beispielsweise den Dubstep-Kosmos? Seid ihr überhaupt in Clubs unterwegs?

Ja klar. Ich lege ja oft auf, zum Beispiel im “Salon Des Amateurs” in Düsseldorf.
Wir hatten ja, wie viele andere Musiker auch, immer schon so eine Clubfantasie. Dass man sich Clubmusik vorstellt,  ohne zu wissen, ob es die Clubs dafür  gibt. Wir haben auf jeder Platte so Stücke drauf, wie z.B. „Miss you“, das ist ein tolles Discostück. Die Remixe verdeutlichen die Clubnähe aber dann noch mehr, daher geben wir unsere Musik solchen Leuten in die Hand. Wir sind jetzt auch bei Konzerten in Hinblick auf illegale Livemitschnitte nicht so versessen, dass wir denken, alles muss nur unsere Handschrift tragen oder authorisiert sein. Gerade wenn man live spielt oder überhaupt Sachen an die Öffentlichkeit bringt, dann gibt man die Kontrolle auf. Die Leute schneiden dann mit und stellen die Sachen ins Netz, aber das sind eben die Zeichen der Zeit und der Technik. Es ist totaler Quatsch, als Künstler so zu tun, als müsse man als einziger sein Produkt von vorne bis hinten kontrollieren.

Eure Musik könnte man sich auch später auf ganz anderen Tonträgerformaten vorstellen…

Ich glaube, Robert ist ein ziermlicher Download-Freak. Ich selbst habe noch nie ein Stück downgeloaded, denn man kann sich auch so alles im Netz anhören
Bei der Produktion von Platten denken wir altmodischerweise immer noch in Vinyl, von wegen, das könnte der Opener sein, das ein Stück für die B-Seite.
Beim Albumformat denken wir dann auch eher in Vinyllänge als in CD-Länge. Es ist natürlich andererseits ein Zeichen der Zeit, dass Leute Mühe haben, längeren Höreinheiten zu folgen. Die Hörgewohnheiten haben sich total geändert, auch durch Youtube zum Beispiel.

To Rococo Rot auf Tour:

25.04. TEATRO FONDAMENTA NUOVE Venice (IT)
26.05. SCHEUNE Dresden
27.05. MANUFAKTUR Schorndorf
28.05. EXIT 07 Luxemburg (LUX) w/ Chihei Hatakeyama
29.05. PAARD VAN TROJE Den Haag (NL)
31.05. LE BOURG Lausanne (CH)
01.06. EXIL Zürich (CH)
02.06. LE SONIC Lyon (FR)
03.06. LA MACHINE Paris (FR)
04.06. THEATERFORMEN Braunschweig
05.06. UEBEL & GEFAEHRLICH Hamburg
25.06. Köln/ C/O Pop, Museum Ludwig
21.08. STROM FESTIVAL Kopenhagen (DK)

www.myspace.com/torococorot
http://www.dominorecordco.com/artists/to-rococo-rot

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