Tobias Lützenkirchen: Einmal nach House und wieder zurück
Anfang dieses neuen Jahres erwartet uns ein recht ungewöhnliches Projekt. Wann genau, das steht noch nicht fest. Was daran ungewöhnlich sein wird? Zum einen ist es das Format. Ein Künstler bringt gleichzeitig ein Album, sowie eine Mix-Compilation auf einer Doppel-CD heraus. Ok, irgendwo und irgendwann wird es das bestimmt schon gegeben haben. Was allerdings viel überraschender sein dürfte, ist die Kombination aus Künstler und Label. Deutscher Techno-Produzent Lützenkirchen releast Album-Compi auf legendärem US-House-Label – Die Rede ist vom US-amerikanischen Nervous Records-Imprint. Das Label mit Sitz in New York steht ursprünglich für zeigemäßen House und Garage-Sound und ist seit Jahrzehnten eine Plattform für House Legenden wie Junior Vasquez oder Frankie Knuckles. Welchem Szenekundler diese Namen geläufig sind, der dürfte doch im elektronischen Musikunterricht gleich den Finger heben und folgende Frage stellen: „Wie passt denn das zusammen?“ Wir haben Tobi gleich mal angerufen und gefragt, wie es zu dieser Kooperation gekommen ist.
Tobias Lützenkirchen, der sich selbst eher in der Ecke Techno und Minimalismus sieht, erreiche ich an einem Montagnachmittag im Münchener Headoffice von Great Stuff. Noch gibt es zum anstehenden Album kaum Infos. Doch betrachtet man das Artist Rooster von Nervous, drängt sich die Frage auf, wie es zu dem Projekt gekommen ist. Denn der Sound von Lütze fügt sich nicht unbedingt nahtlos in den von Junior Vasquez, Frankie Knuckles, Chus & Cheballos, Chris Lake, David Tort oder King Britt ein. „Das Projekt ist eine Kooperation zwischen Great Stuff und Nervous. Ich fand es sehr interessant, dass Nervous so massiv Bock auf mich hatte, da sie ja schon sehr housy sind. Ich glaube, es ging den Nervous-Jungs auch eher, um meine Person, als um den Stil. Aber ich kann alles frei gestalten, wie ich möchte. Ich war schon immer relativ Techno und werde es ausgerechnet im Moment wieder viel massiver. Aber sie finden es halt geil und wollen es machen. Es kann daran liegen, dass meine letzte Tour in den USA ein ganz schöner Aufschlag war. Vor allem der Live-Act im Cielo in New York scheint sich sehr herum gesprochen zu haben. So fing das Ganze an.“
Ebenfalls erfahre ich, dass es die Kooperation zwischen Great Stuff und Nervous schon sehr lange gibt. Man kooperierte bis dato mit Remix Swaps und vielem mehr. Dennoch kam die Anfrage etwas überraschend. Auch wenn Nervous sehr housy rüber kommt, hat Tobi nicht vor, sich für das Album zu verbiegen. Die Tracks auf dem Album, die mehr House-Appeal haben werden, sind bereits gelaufene Stücke. Die neuen Sachen gehen wieder ganz klar in Richtung Techno. Kein Krawall-Sound, wie er betont, sondern guter, ehrlicher Techno. „CD 1 wird mein neues (gemixtes) Album, worauf ich auch den Hauptaspekt legen werde. Das wird eine Art Live-Showcase. Die zweite CD wird eine ganz normale Compilation mit Stücken anderer Künstler, die mir gefallen oder die ich aktuell spielen würde. Dazu mache ich noch einen Remix von Kevlars ‚The Feelings Are Weapons‘, einem Track, der in den USA gerade sehr stark ist. Direkt daran gekoppelt sind zwei weitere Nordamerika-Touren, die erste im Februar In den USA und Kanada, die andere rund um die WMC.“
Generell scheint ihm Amerika sehr gut zu liegen, auch wenn sein Sound doch sehr weit vom derzeitigen Dance Boom dort entfernt ist. „Es gibt zwar in den USA für meinen Sound schon eine Szene, aber man muss ganz klar sagen, dass diese sich ganz klar auf die großen Städte beschränkt. Wenn du auf das ‚platte Land‘ hinaus fährst, ist da gar nichts. Im Moment ist der europäische Sound dort sehr im Aufwind, auch wenn die HipHop-Kultur dort sicherlich immer das Maß aller Dinge bleiben wird. Dafür ist sie in der amerikanischen Kultur einfach viel zu tief verwurzelt. Aber auch Techno und Techhouse erfahren ein immer größeres Interesse. Zwar noch nicht so stark wie Trance, der ja auch schon seit Jahren dort etabliert ist, aber es geht aufwärts. Künstler wie Blank & Jones, ATB oder Markus Schulz spielen dort richtig große Gigs ab 4000 aufwärts. Unsere Gigs finden eher in der Regel in bekannten Szeneclubs ab, die allerdings meist sehr cool sind und in denen es wirklich Spaß macht zu spielen. Die Leute, die in die Clubs gehen, haben auch massiv Bock auf unseren Sound. Das Publikum ist auch in der Regel älter. Du hast da nicht so viele Kiddies rumspringen. Es macht einfach Spaß.“
Obwohl ihn das Projekt momentan sehr auf Trab hält, hat er trotzdem die Zeit gefunden, für Januar die neue Raveline Mix Sessions zu entwerfen. Sowohl bei dem Nervous Projekt, als auch für den Raveline Mix geht Tobi immer konzeptionell an die Aufgaben heran. „Für die Raveline Mix Sessions werde ich hauptsächlich Tracks verwenden, die aus meinem direkten Umfeld kommen. Viele starke Tracks sind natürlich schon auf die Nervous Sache drauf gegangen, aber da ich so viel mache und auch sehr viele Remixes produziere, wird das schon eine sehr runde Geschichte werden. Das wird ein sehr straighter DJ-Mix werden, in dem ich die Tracks auch nicht groß editieren oder schneiden werde.“
Soundtechnisch geht für Lützenkirchen die Reise wieder zurück zum Techno. 2010 war sein Sound auf seine eigene Art doch merklich housiger geworden, doch für 2011 hat er sich wieder ganz klar dem Techno verschrieben. „Es war mal schön, etwas Abwechslung zu haben, aber es war doch absehbar, dass die Reise wieder zurück geht. Das bin halt nicht so wirklich ich. Ich habe irgendwann einen Gig mit Umek in Athen gespielt, für den ich auch viel auf seinem Label 1605 Music Therapy mache. Außer ihm waren noch Len Faki und Marco Bailey dort. Der Gig war zwar super, aber ich war in der Nacht mit Abstand der Weichspüler überhaupt vom Sound her. Da dachte ich nur, das kann nicht sein. Das war so das Tüpfelchen auf dem I-Punkt. Seitdem habe ich für mich wieder wirklich herausgefunden, wo die Reise hin geht und wofür Lützenkirchen steht.“
Blickt Tobi auf das letzte Jahr zurück, so hat er es produktionstechnisch etwas langsamer angehen lassen. In Sachen Touring war der Schedule aber voll wie eh und je. Auf die Frage nach dem besten Gig in diesem Jahr fällt wieder der Name Cielo. Der New Yorker Club scheint es ihm angetan zu haben. „Es ist zwar schwierig, weil ich viele tolle Gigs hatte, aber wenn du mich fragst, fällt mir der Name halt zuerst ein. Der krasseste Gig in diesem Jahr war allerdings in Braunschweig auf einer Stil Vor Talent-Party, auf der ich mit Lexy und Oliver Koletzki gespielt habe. Oliver Korritke war mit seinem besten Freund Sven Rutte da. Rutte ist gestorben, als ich mit meinem Set dran war. Das war schon ein sehr heftiges Erlebnis. Ich hatte grad meine erste Nummer gespielt, habe dann aber sofort abgebrochen.“ Für 20011 liegt der Fokus zunächst zu 100 Prozent auf dem Nervous Projekt. „Außerdem werde ich mich wieder mehr auf mein eigenes Label Platform B konzentrieren. Ich habe es aus verschiedenen Gründen in diesem Jahr schleifen lassen. Zum einen, weil der Tag nur 24 Stunden hat, aber hauptsächlich weil ich mich selbst erst wieder musikalisch finden musste. Außerdem wird es eine 1605 / Intec Tour geben, auf der ich wohl dabei sein werde. Ich fange überhaupt erst 2011 wieder richtig mit langen Touren an. Darauf freue ich mich auch schon sehr. Was meinen Sound angeht, wird es auch wieder mehr in Richtung Oldskool gehen. Ich arbeite wieder mehr mit Drumcomputern und analogen Geräten. Das kennen die meisten Kids schon gar nicht mehr. Dadurch klingt aber alles viel eigener. Ich bin absolut ein Anti-Loop-Fan. Ich bastele lieber meine eigenen Sachen, als mich fremder Loops zu bedienen. Meiner Meinung nach kann man nur schwer aus den Sachen anderer Leute etwas ganz Neues erschaffen. Das sind im Grunde meine Major-Pläne für 2011. Ich will mit meiner Musik wieder richtig auf den Punkt kommen und nach Möglichkeit noch einen Schritt weiter gehen. Aber ich denke, da bin ich genau auf dem richtigen Weg.“









