Freitag, 30. Juli 2010

Was machen eigentlich… Megashira?


1. Februar 2010 // Musikthemen  

MEGASHIRA_CUT_BIG

Klar, in England gingen Jungle und Drum & Bass in den 90ern los und breakten sich von dort aus schnell in schwindelnde Höhen. Doch auch in Deutschland gab es schon früh motivierte wie leidenschaftliche Protagonisten, die die Musik nach vorne brachten, erweiterten und zu anderen Genres hin öffneten. Megashira setzten da beispielsweise wichtige Akzente, sowohl als Produzenten, wie auch als Livemusiker. Lange hat man nichts mehr von dem Projekt von DJ Kabuki und Mainframe gehört. Höchste Zeit für eine Auffrischung der Erinnerungen und einen Lagebericht. Mainframe stand uns dafür Rede und Antwort.

Es scheint in den letzten Jahres ruhig um euer Projekt Megashira geworden zu sein, woran lag das? Auf welche Projekte habt ihr euch stattdessen konzentriert?
Unser letztes Album „At Last“ wurde offiziell am 11. September 2001 released, die damaligen Ereignisse hatten den Fokus darauf natürlich stark abgelenkt, die Welt stand unter Schock. Tragischerweise hatte unser neuer US-Vertrieb seinen Sitz im World Trade Center, was es nicht gerade einfacher gemacht hatte. Das war schon ein ziemlicher Einschnitt. Wir sind dann mit dem Album-Konzept und einer Handvoll Musiker aus unserem Umfeld auf EU-Live-Tour gegangen, wie wir es auch schon vorher mit dem „Zero Hour“ Album gemacht hatten. Nur ließen wir diesmal alle Sampler, Synthesizer + Sequencer im Studio und spielten alles live: Schlagzeug, Bass, Vibraphone, Rhodes, MC. Der Kabuki und ich sind dann in einen Studio-Komplex in Frankfurt umgezogen und haben uns auf neuere, elektronische Produktionen konzentriert, unter anderem Co-ops im Werbe-, Film- und Computerspielebereich.

Neben unserem eigenen Label „Precision Breakbeat Research“ betreuten wir noch weitere Labels und haben u.a. mit GrooveAttack zusammengearbeitet und mit Lars Vegas das Imprint „Spectrum Works“ ins Leben gerufen. Dazu kam noch eine eigene Booking- und Promotion-Agentur („Broken Beatz Entertainment“), die wir mit MC Ronin und MC Glacius betrieben haben. Das alles unter einem Dach im Basement der FunDeMental Studios. Mit Roey Marquis II. arbeiteten wir dann an dem Projekt MK2, einer Fusion aus HipHop, Breaks und Drum&Bass. (erschienen auf Epic/Sony)

Für die, die Megashira nicht/noch nicht kennen, erzählt doch bitte noch einmal, wann und aus welcher Motivation heraus es damit losging…
1994/95, als Jungle noch tiefer Underground war und Drum&Bass gerade daraus entstand, hatten wir uns total den Break-Produktionen verschrieben. Wir waren oft in London unterwegs und hatten einige Kontakte in der UK-Szene geknüpft: Goldie, Grooverider etc.. .
Damals entstand die Idee, als Plattform für unsere sehr genre-spezifischen Club-Produktionen ein eigenes Label ins Leben zu rufen, „Precision Breakbeat Research“, mit Projekten wie Makai, Ono Sendai, Einzelgaenger, Mk2, Kabuki usw. Alles schön auf den Underground Dancefloor ausgerichtet, rohe DJ-Tools.

Wir hatten dann die Vision von einer musikalischeren, jazzigeren Umsetzung von Breakbeat, die in diesen Rahmen nicht passte. Daher entstand unser Outlet „Megashira“, das wir auf dem Frankfurter Label „Infracom“ unterbringen konnten, welches von Jan Hagenkötter und Namé Vaughn betrieben wurde. Die beiden haben uns in unserer Vision sehr unterstützt und 1997 kam dann das erste Megashira Album „Zero Hour“ heraus, das als erstes deutsches Drum&Bass Album gehandelt wurde und einige Beachtung in der Musikwelt bekam. Das war noch vor dem Hype. Die LP war eine elektronische Studioproduktion, die wir – und das war vielleicht der Hauptunterschied zu den anderen Projekten – mit live gespielten Instrumenten untermalt hatten, Gitarre, Trompete, Vocals, Bass. Viele Synthesizer-Parts waren auch einfach live eingespielt und nicht vom Sequencer gesteuert. Das hat für uns auch den Shift vom auschließlich midi-gesteuerten Herangehen zum HardDisk-Recording bedeutet, damals noch ziemlich primitiv, aber es hat irgendwie funktioniert. Ich erinnere mich noch, für das Album zum ersten mal ein PlugIn eingesetzt zu haben, das so ziemlich einzige damals erhältliche: Waves L1. Ermöglicht wurde das durch eine Offline-Schnittstelle im SoundDesigner. Ein Vorhören gab es nicht, nur komplettes Rendering. Echt abenteuerlich also.

Das Konzept zum nächsten Album „At Last“ war dann eigentlich eine logische Weiterentwicklung davon. Wir wollten nicht mehr nur auf Breaks und Licks von alten Vinylplatten als Basis zurückgreifen, sondern unser eigenes Sample-Masterial herstellen. Kabuki lebte zu der Zeit in Tokio und lernte dort den Jazz-Keyboarder Marc de Clive-Lowe kennen, der viel zwischen Neuseeland, Japan und Australien unterwegs war und einige sehr gute Kontakte zu jüngeren Jazz-Musikern hatte. Das war im Prinzip das Startsignal, diese Idee umzusetzen. Wir entwickelten dann ein Konzept, auf eher traditionelle Weise ein Album zu schreiben, komponieren, notieren, arrangieren, mit guten und interessanten Musikern einzuspielen und auf Bandmaschine aufzunehmen. Das ist dann auch genau passiert, mit Marc zusammen konzipierten wir die grundsätzlichen Arrangements und mieteten uns dann für eine Woche mit einigen Musikern aus aller Welt in dem Londoner Vintage Studio „ToeRag“ ein, um Breaks, Licks, Sequencen, A/B/C parts etc aufzunehmen. Eine tolle Erfahrung, trotz aller Schwierigkeiten die so ein Monsterprojekt für uns bedeutete.

Danach schlossen Kabuki und ich uns über ein Jahr in unserem Studio ein, um akribisch Tausende von Fragmenten zu Musikstücken und dem Album zusammenzubringen. Wir hatten uns das eigentlich einfacher vorgestellt, in der Konsequenz mussten wir aber diesen harten Weg gehen, damit am Ende alles zusammenpasste, vom Gesamt-Arrangement, Timing, Tuning bis zum Micro-Timing. Totaler Wahnsinn!
Wir arbeiteten so im Detail, dass das Album jetzt klingt als wäre die Band einfach im Studio aufgenommen worden, vielleicht sind wir damit sogar ein wenig über unser Ziel herausgeschossen ;)

Demnächst steht nun eine Megashira Live-CD an, wie ich hörte… Was können wir erwarten?
Teile der Tour, die nach dem Release folgte, hatte ich auf DAT aufgenommen oder von den jeweiligen Gig-Technikern aufnehmen lassen. Großangelegte Mehrspuraufnahmen wollte ich eigentlich nicht mehr machen, dazu war es zu ungewiss, was mit dem Material später passieren würde. Eine kompletter Konzertmitschnitt aus Jena ist aber so sehr gelungen und längere Zeit unter den beteiligten Musikern als Referenz und Zeitdokument umhergereicht worden, dass ich mich entschlossen habe, ihn aus den internen Grenzen herauszusprengen und allen Interessierten zugänglich zu machen.

Ich habe in den letzten Jahren das MAINFRAME MASTERING Studio aufgebaut und fand toll, diese Aufnahmen selbst komplett analog zu mastern. Die Live Aufnahme unterscheidet sich zum originalen Album durch eine zusätzliche, eher psycheldelische Ebene, die durch MoogerFooger, Rhodes und Bandecho sowie durch das MCing von MC Ronin erzeugt wurde. Im Moment ist eigentlich nur das das Format zu klären, in dem das Ganze erscheint, es wird aber wahrscheinlich ein digitaler Release werden. Auf unserer myspace Seite kann man sich darüber bald informieren.

Wird nach dem Release Megashira in den Ruhestand geschickt?
Eigentlich müsste man wirklich sagen, dass das Projekt Megashira damit abgeschlossen ist. Kabuki und ich arbeiten aber weiter zusammen an neuen Projekten, und irgendwie wird der Spirit von Megashira darin weitertransportiert. Die Musiker, die uns live unterstützt haben oder an der Album Einspielung beteiligt waren, gehen alle weiter ihren Weg, einige davon sehr erfolgreich. Wir selbst haben uns wieder auf die Duo-Zusammenarbeit im Studio konzentriert und intensiv am neuen Kabuki-Album gearbeitet, das im Juni auf V-Recordings erscheinen wird. Vorher werden noch 3 Singles mit Remixen von Serum, Need For Mirrors, Calibre, Marcus Worgull und Kev Brown releast. Es gibt auf dem Longplayer einige sehr interessante Kooperationen, z.b. mit Jeru The Damaja, Paul St. Hillaire (Tikiman) und Jenna G. Die Platte ist Drum&Bass für den Dancefloor, den man sich dank der Vocals und Instrumentierungen aber auch sehr gut daheim anhören kann.

Kommen wir noch mal auf Megashira zurück. Welcher Livegig aus der Vergangenheit ist euch denn besonders in Erinnerung geblieben und warum?
Es gab da schon so einige Highlights, zum Beispiel unseren Auftritt auf dem Universal Tribal Gathering 1997 in UK, mit Roni Size vor 20.000 Leuten und Kraftwerk zum ersten Mal wieder live auf der nebengelegenen Stage. Dann gab es ein Konzept-Gig in der Volksbühne in Berlin, auf dem wir uns als Band partiell auf der Bühne verteilt hatten, verbunden über Headsets. Da stand auch das Publikum mit auf der Bühne und hat mitgejammt. Das war ziemlich cool. Besonders gut haben mir aber immer unsere kleineren Bar-Gigs gefallen, da saß dann einer mit Kontrabass in einer Runde, irgendwo war ein Schlagzeug versteckt, ein Mikrophon wurde gezogen und mitten im Bar-Betrieb haben wir dann angefangen zu spielen, mitten im Publikum. Oder ein Auftritt auf den Münchener Jazztagen, zu dem wir eine Sängerin hinzugezogen hatten. Leider konnten wir das vorher nicht proben, sondern saßen erst einige Stunden vor dem Gig auf dem Event-Parkplatz zusammen im Van und haben den Auftritt mit Hilfe der CD einstudiert. Auf der Bühne haben wir dann souverän improvisiert!

Was sind bzw. waren für euch Herausforderungen bei Auftritten?
Die Auftritte erweitern unsere Studio-Produktionen ja immer um die Musiker, die mit uns auftreten. Die Live Versionen unterscheiden sich dann schon ein wenig, auch im Arrangement, oder haben ein völlig neues Backing. Der Bassist Helmuth Fass war bei fast allen Gigs dabei, andere Musiker haben schon häufiger mal gewechselt, so dass es auf die Professionalität von allen ankam, in relativ kurzer Zeit ein sicheres Set zu haben. Da haben wir gerne auch alle mal per Kopfhörer zum Sequencer synchronisiert, gerade bei der „Zero Hour“ Tour machten wir das so, da die Produktion ziemlich viele elektronische Elemente hatte. Bei „At Last“ hatten wir dann ein reines Live-Set und konnten da schon etwas klassischer herangehen. Trotzdem gab es nie ein 100% feststehendes Set. Dadurch gab es Raum für Improvisationen – to expect the unexpected!

Und wie ist eure generelle Herangehensweise im Studio?
Die hat sich schon stark geändert in den letzten Jahren. Angefangen hatten wir auf einer Mackie 32bus Konsole und stockwerkehohen Outboards, Patchbays, Synths und Samplern, Millionen von Kabeln und einem schrammeligen Computer. Inzwischen produzieren wir die Grundideen an zwei verschiedenen Orten und bringen das dann in meinem Studio zusammen, in dem wir Ableton Live mit Steinberg Nuendo rewiren, eine Pre-Produktion machen, die unter Umständen an diverse Vocalisten rausgeht. Am Ende wird dann alles in Nuendo meist mit UAD Plugins gemischt, die Stems über ein Pult rausgespielt und dann gehts durch die analoge Mastering-Kette. Das bringt dann nochmal einen gewaltigen Soundschub im Vergleich zu reinen ITB Produktionen.

Meistens beginnen wir mit einem Lick, das Kabuki von irgendeiner antiken Platte gekratzt hat und bauen darauf eine Idee auf, ich produziere dann ein paar Beats und wir experimentieren damit herum bis wir eine interessante Kombination gefunden haben. Wenn diese Grundidee dann steht, entwickeln wir eine Bassline und Chords auf dem Nordlead oder dem Virus, oder beiden. Kabuki arrangiert die Tracks und ich setze mich dann an den Mix. In der Regel folgen dann noch ein paar Revisionen, Verfeinerungen im Mix und im Arrangement. So sind wir zumindest bei der letzten Kabuki Produktion verfahren. Für die Remixe habe ich die wichtigsten Stems (Gruppenspuren) rausgespielt und einzeln gemastert. Aus diesen Stücken kann man dann frei das Arrangement wieder zusammensetzen. Das war soundmäßig so beeindruckend, das wir die selbst bearbeiteten Remix-Bausteine noch mal für neue Tracks benutzt haben. Ich kann mir gut vorstellen, in Zukunft öfters so zu arbeiten.

Wie seht ihr als „alte Hasen“ den heutigen Status von Drum´n Bass im Vergleich zu den 90ern? Was hat sich positiv, was negativ verändert?
Um das Jahr 2000 hatte der Drum & Bass Hype wahrscheinlich seinen Höhepunkt erreicht und besann sich dann wieder auf ein eher realistisches Niveau. Viele, die auf den Zug aufgesprungen waren, sind wieder abgesprungen oder haben sich in andere Genres umorientiert, es sind aber auch jede Menge neue fähige Leute dazugekommen. Es gibt nur noch wenige reine Drum&Bass Clubs aber noch einiges an Veranstaltungen. Die alten Helden sind noch dabei und neue haben die Konzepte aufgegriffen. Ich finde es weiterhin sehr spannend, was sich aus den Anfängen entwickelt hat. Damals war es ja etwas komplett neues, aufregendes, etwas was erst erfunden werden musste. Dann hat es sich in diverse Sub-Genres aufgesplittet und fließt nun auch mal in andere Genres mit ein. Dubstep zum Beispiel hat die Grundästhetik aufgegriffen und auf ein anderes Timing umgesetzt. Solche Versuche gab es ja auch mit Garage. Ich sehe da aber jede Menge Potential, was sich daraus noch so entwickeln kann. Ich selbst mag den reinen, organischen Ansatz, den einige auch als Liquid bezeichnen, im Gegensatz zu den Reese/Amen Techno-Gewittern, die aber durchaus auch ihre Berechtigung haben.

Was fasziniert euch generell an gebrochenen Beats?
Wir haben eine Sammlung von über 1000 Breaks + Beats, die wir über die Jahre von alten Platten gesampled haben und es kommen regelmäßig neue Breaks dazu. Ich finde es immer wieder faszinierend, aus dem Layern und Umprogrammieren von rohen, kratzigen Breaks und der Zugabe von fetten Drumcomputer Sounds etwas völlig neues zu entwickeln, das trotzdem immer noch einen Bezug zu den Drums und Groovemustern aus den 70ern hat. Ich will das ästhetisch immer zusammenbringen. reine Drumcomputersounds finde ich irgendwie immer unvollständig, ohne Charme. Das Atmen, Rauschen und Knacken gehört für mich einfach dazu und die Patterns geben dem Beat immer noch einen eigenen Charakter.

Und was steht bei euch in den nächsten Monaten an sonstigen Releases an?
Wie schon erwähnt, kommt im Juni das neue Kabuki Album auf V-Recordings heraus, an dem wir die letzten 1,5 Jahre gearbeitet haben. Zur Platte wird es auch eine DJ Tour geben.

www.myspace.com/originalmegashira
www.myspace.com/iamkabuki
www.vrecordings.com
mainframe.vox.com

Foto: Sandra Mann

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