Netsky – Drum’n’Bass-Wunderkind

Mit gerade einmal 23 Jahren als einer der meist gefeierten DJs und Produzenten im Drum‘n‘Bass-Bereich zu gelten, ist eine Leistung für sich. Der Belgier Boris Daenen, vielen als Netsky sicherlich eher ein Begriff, hat das Kunststück geschafft. YouTube-Videos mit einer Klickzahl jenseits der 10 Millionen-Marke sind keine Seltenheit für ihn – genauso wenig wie ausverkaufte Hallen mit über 3.000 Leuten, die nur auf ihn und seine Live-Show warten. Für uns Anlass genug, uns den jungen Mann mal vorzuknöpfen. Wir sprachen mit dem Jungspund, der momentan kreuz und quer durch Europa reist, über sein bald erscheinendes Album „2“, seine Anfänge und den momentanen Hype rund um Drum‘n‘Bass und Dubstep.
Du bist mit deinen 23 Jahren noch vergleichsweise jung und dennoch schon ziemlich on top. Wann hast du mit der Musik angefangen? Und war es direkt Drum‘n‘Bass?
Ich habe mit 14-15 Jahren mit elektronischer Musik angefangen. Es war jedoch nichts wirklich Professionelles, mit 16 habe ich dann angefangen mehr Zeit in die Produktion zu stecken. Man könnte das Genre von damals am ehesten als Electrohouse bezeichnen, ich habe zu dem Zeitpunkt sehr viele Sachen aus Detroit gehört und mein Sound ging dann auch in die Richtung – verrückter House mit vielen Electro-Einflüssen. Zu Drum’n‘Bass bin ich gekommen, nachdem ich zum ersten Mal bei einem Drum’n’Bass-Rave war und mich das ganze einfach so geflasht hat. Damals lief in fast jedem Club in dem ich feiern war der Track Golddigger von Kanye West, als ich dann auf dem Rave den Drum’n’Bass-Remix dieses Tracks von High Contrast hörte, hat es mich einfach umgehauen. Weil der Remix sich sehr am Original hielt und einfach nur n Drum’n’Bass-Beat darunter platziert wurde, hat es sehr viel vom eigentlichen HipHop-Flow beibehalten. Das war definitiv einer der Schlüsselmomente, die bewirkt haben, dass ich diese Art Musik machen möchte.
War es für dich als Belgier schwer in einem Genre anerkannt zu werden, in dem fast nur UK-DJs großes Ansehen genießen?
Ja, auf jeden Fall! Als ich angefangen habe, war ich ziemlich vernarrt in das Genre und habe über Myspace & Co. Versucht, Kontakt zu UK-DJs und Labels herzustellen. Ich habe einfach versucht, so viel wie möglich mit den Leuten in Kontakt zu bleiben. Irgendwie habe ich es dann auch geschafft, zu einer Party in Birmingham eingeladen zu werden. Es war eine sehr kleine Party, die Leute sagten nur, dass sie mir den Flug bezahlen könnten und ich von ihnen etwas zu Essen bekäme. Es war alles das Billigste vom Billigen, aber ich war einfach so unglaublich stolz darauf, in England spielen zu können, dass mir das alles vollkommen egal war. Es war mein allererster Auftritt und dann direkt in England! Und durch diesen ersten Gig habe ich auch viele Kontakte sammeln und darauf aufbauen können.
Vermisst du diese Anfangszeit? Die kleinen dreckigen Clubs?
Um ehrlich zu sein, bevorzuge ich mittlerweile die großen Bühnen. Viele DJs sagen, dass es für sie das Beste sei, in einem kleinen Underground-Club zu spielen. Ich jedoch hab gerne eine große Menschenmasse vor mir und eine Bühne, die groß genug ist, so dass ich da vernünftig mit den Menschen agieren kann. Ich springe gern durch die Gegend und feiere einfach viel und das ist in kleinen Clubs nur sehr schwer möglich.
Du bist für deine Remixe sehr bekannt. Der Remix von Ruskos „Everyday“ gehört zu den meistgespielten Drum’n’Bass/Dubstep-Tracks in den Clubs. Was sind deine Wunsch-Artists für Remixe? Auf welche dürfen wir uns in naher Zukunft freuen?
Es gibt da für mich einen großen Unterschied zwischen der Zusammenarbeit mit jemandem und jemanden zu Remixen. Auch wenn mir das Remixen viel Spaß macht, weil man sich da austoben und einfach mit den Samples kreativ sein kann, so hoffe ich dennoch demnächst mit anderen Künstlern direkt im Studio zusammenarbeiten zu können. Deswegen wird es demnächst auch vorerst keine neuen Remixe mehr von mir geben.
Dein Musikstil wird oft als Liquid Funk beschrieben, was kann sich der Drum’n’Bass-Laie unter dieser Genre-Bezeichnung vorstellen?
Auch wenn ich die Unterkategorie Liquid Funk sehr mag, bin ich mir nicht sicher, ob man mich als Künstler komplett in diesem Genre einordnen sollte, denn mittlerweile bringe ich so viele Sachen raus, die nichts mehr damit zu tun haben.
Liquid Funk selbst aber ist die melodischere Art von Drum’n’Bass, oft auch die entspannte und ruhigere Version, verglichen mit den harten Tracks.
Im April hast du auf der Hospitality-Party in Brixton eine Show mit einer kompletten Live-Band im Rücken gegeben. Wie kam es dazu und wie hat dir der Abend gefallen?
Die Planung dieser Show hat mich sehr viel Zeit des letzten Jahres gekostet, wir haben da alle sehr viel Arbeit investiert. Es ist für mich ein sehr aufregendes Projekt, auf das ich mich in Zukunft noch weiter konzentrieren möchte, weil es einfach so ein anderes Gefühl ist, auf der Bühne zu stehen und die Vocals und Gitarren mit deiner Band live zu spielen, statt sie nur von der Platte kommen zu lassen, was aber nicht heißen soll, dass ich mit dem DJing aufhören möchte. Aber wenn ich schon auf so großen Bühnen spiele, dann möchte ich diesen Platz auch ausnutzen und dem Publikum einfach mehr bieten, als das übliche Auflegen.
Bis jetzt warst du als Artist nur bei Hospital Records unter Vertrag, hast dich aber dennoch dazu entschlossen für Vertrieb und Promo einen zusätzlichen Deal mit Universal abzuschließen. Was hat dich dazu bewegt?
Mich freut es zu sehen, wie viel Einsatz Universal in die Promotion für mein neues Album, das am 25.06. erscheint, reinsteckt. Dennoch war es mir sehr wichtig, meine künstlerische Freiheit zu bewahren, was mit dem Deal gewährleistet ist, da sie mir da nicht in Inhaltsfragen reinreden können. Für mich ist das natürlich ein großer Schritt nach vorne, da mir mit einem Majordeal viele Sachen ermöglicht werden, die bisher einfach in dieser Form so nie passiert wären.
„Come Alive“, die erste Single von deinem neuen Album, ist schon sehr poppig. Was für ein Sound erwartet uns auf dem Rest der Platte?
Ich denke, Popmusik ist sehr interessant zu beobachten und ich möchte mit meiner Musik natürlich eine großes Publikum erreichen. Dennoch wird es auf dem Album auch weitere Tracks geben, die an meinen früheren Sound erinnern. Es wird aber keine richtig harten Dubstep-Tunes geben. Wer jetzt Skrillex-Sound erwartet, ist hier definitiv falsch. (lacht)
Beim Produzieren habe ich sehr viel Wert darauf gelegt, dass es sich live gut umsetzen lässt. Ich hoffe wirklich sehr, dass das gut ankommt, weil ich in diese Produktion wirklich viel Arbeit gesteckt habe.
Momentan erfährt Dubstep einen enormen Hype. Man kann kaum den Fernseher anmachen, ohne eine Werbung mit Dubstep-Wobbles zu hören. Freut dich dieser Trend oder macht er dir Angst?
Nein, Angst macht mir diese Entwicklung nicht. Wichtig ist nur, dass man die Musik, die man produziert, aus den richtigen Beweggründen macht und nicht, weil man denkt, dass man damit momentan die meisten Leute erreichen kann. Ich könnte niemals Musik machen, hinter der ich nicht zu 100% stehe. Solange man diese Einstellung hat, braucht man auf keinen Fall Angst zu haben. Für mich ist es einfach toll zu sehen, dass Drum’n’Bass und Dubstep momentan ein so großes Publikum haben und dass so viele Leute sich aktiv dran beteiligen und diese Musik einfach so sehr lieben.
Vielen Dank für das Interview. Irgendwelche letzten Worte?
Trinkt nicht so viel! (lacht) Nein, ich möchte mich hier noch mal meinen Dank an das deutsche Publikum, die Promoter und alle anderen Beteiligten aussprechen, die mir jeden Besuch in Deutschland so angenehm gestaltet haben. Demnächst werde ich auch einige Shows mit der Liveband in Deutschland spielen und hoffe, dass ihr mich dabei unterstützt.
Text & Interview: Arek Losiewicz






