Mittwoch, 22. Mai 2013

Grasscut – Unearth (Ninja Tune)


20. Juli 2012 // Longplayer  

Nachdem Grasscuts Debüt „1 Inch: ½ Mile“ vom britischen Sunday Telegraph unter die Top10 Alben 2010 gekürt wurde, standen die Erwartungen an den Nachfolger entsprechend hoch. Und anscheinend gibt es derzeit in Großbritannien einen neuen Stil, der handgemachte elektronische Musik mit den alten britischen Songtugenden verknüpft. So entstanden für Unearth zehn Songs, von denen jeder an eine bestimmte Landschaft, ein bestimmtes Ereignis geknüpft ist. Schon die grandiose Single „Pieces“ die als zweiter Track auf dem Album nach dem etwas ruhigeren Opener „Cut Grass“ zu hören ist strotzt vor kreativer Energie, die genau so nah an elektronischen Minimalismen a la Console ist, wie sie ohne rot zu werden krisp perlende Popmelodien einbindet und diese über ein rau pulsierendes Beatbett legt. Dass im Sinne einer Songarchitektur auch harmonische Brüche, Spannungsbögen und eingängige Riffs vorhanden sind, lässt die Tracks im Gedächtnis bleiben, lässt sie nachschwingen, so wie ein guter Rotwein noch lange am Gaumen bleibt. Auch wenn das Album danach erst einmal für volle sechs Stücke sanfter und ruhiger wird, bleibt diese Tiefe erhalten, auch wenn Grasscut besonders bei gesteigertem Tempo an Nachdruck gewinnt. Ich persönlich hätte mir mehr dieser Stücke gewünscht. So dauert es bis zum spannenden „We Fold Ourselves“ in dem Andrew Philips ein Cyber Duet mit der 50er-Jahre Sängerin Kathleen Ferrier singt, bis der Sound wieder die beeindruckende Verbindlichkeit erreicht, die „Pieces“ so auszeichnet. Dafür aber gerät man bei diesem Ansatz schon ins Staunen, wie brillant diese kleine Idee umgesetzt wurde und wie sich die fremdartigen Klänge der Originalaufnahme ins Gesamtbild einfügen. Mit Unearth ist Grasscut ein weiteres großes Album gelungen, dass reich an musikalischen Überraschungen ist und für dessen Entdeckung man sich Zeit lassen sollte. Sehr britisch, sicher, aber auch sehr charming. 6 Punkte ESTE