Deichkind / Schleyerhalle Stuttgart

Deichkind haben es geschafft: Nunmehr spielen sie in einer Liga mit Andre Rieu, Pink und dem Sparkassen-Cup, sie treten nämlich in der Stuttgarter Schleyerhalle auf. Das urbane Rocker33 hatte darauf verzichtet, einzig 500 Verrückten Einlass zu gewähren und buchte kurzerhand die größte Halle der Schwabenmetropole. Diese war mit 4000 Besuchern zwar nicht annähernd voll, aber zumindest die kaufmännische Kalkulation soll aufgegangen sein. Aber funktioniert Deichkind in einer Großhalle? Wie immer hantierten die Hamburger mit diversen Spielzeugen wie Pogosticks, Trampolinen etc. herum, verweigerten sich dem ästhetischen Normalverständnis durch bunte Müllsackkleidung und stolz vorgezeigte Bierbäuche, und riefen zum ultimativen Remmidemmi auf.
Dennoch war einiges anders: Wie tribalistische Schamanen trugen sie Tierköpfe, beherrschte ein Clanführer mit seinem Zepter den entgrenzten Stamm, führten sie wilde Tänze auf und trugen einen der ihren wie in einem Horrormovie in einem gespenstischen Zug von der Bühne. Hatte Detlev D.! Soost seine Hände im Spiel? Durch die Größe der Bühne konnten Lichteffekte und Bühnenshow noch perfektionierter dargeboten werden, auch Schattenspiele an der Hallenwand waren möglich. Neu auch die Mofas in grellen Neonfarben und schöne Bungeeseile, an denen die Recken über die Bühne hüpften.
Leider ging der Clubcharme verloren. Konnte man früher noch die Bühne erklimmen, um das Sofa in die Menge zu werfen, so wird man heute rüde von der Security und dem Graben daran gehindert. Schmissen die Deichkinder in den Clubs Bettfedern in die Menge, konnte man sicher sein, dass kein einziger Besucher ohne Federn am Körper gehen würde. Heute schaut man sich das aus 150m Entfernung an und sieht 20 davon betroffene Leute. War früher auch der letzte In-der-Ecke-Steher nach spätestens 10min aufgrund der Temperaturen von 50 Grad aufwärts gezwungen sein Shirt abzulegen, umwehte einen nun die angenehme Aircondition der Großhalle und vertrieb jeden Schweiß. Früher war alles besser? Nein, nur anders. In visualistischer und künstlerischer Hinsicht wurde dazugewonnen, mehr Leute konnten am Spektakulatius naschen, aber die adoleszente Entgrenzungsorgie ist doch in den Clubs zurückgeblieben.








