DJ W!ld: Wo die w!lden Kerle wohnen

W!ld, ist, wie der Name schon vermuten lässt, einer der ungezähmtesten Spezies im DJ- und Produzentenreich. Rabiat und unbekümmert lebt und produziert er flirrenden, säurelastigen Wildpitch-Technohouse mit bumpy Chicago-Einschlägen, und das schon seit über 15 Jahren. Auf so bekannten Labels wie Get Physical, Love Letters From Oslo, Robsoul, Off, Soweso, Supplement Facts, Crack & Speed, Adult Only und natürlich seinem eigenen Imprint Catwash Records. Doch so richtig hat es den passionierten Graffitipainter, der ein paar Jahre in Sao Paulo verbracht hat, trotz Charterfolg-Überhits nicht ins Rampenlicht gedrängt, was erklären dürfte, warum so wenig über ihn bekannt ist. Doch nun erschien das Album “Fumar” auf Catwash Records, betört mit seiner packenden Treibkraft, und dürfte wegen der genau richtig auskalkulierten Soundzutaten — reduzierter Acidtribalhouse trifft auf clubbige Freakiness — zu einer echten Lieblingsplatte der gutinformierten Taenzer, Smoker, Toker und DJs dieser verrückten Welt werden.
W!ld At Heart
Nachtaktiv und weitverbreitet, da in zahlreichen musikalischen Habitats zuhause, hat W!ld sich in besonders in den letzten Jahren mit einem weiteren Projekt einen Namen gemacht: dem dreckig deepen Catwash Moniker. Label, Band Schrägstrich Liveact und auch ein wenig Mythos, ist die aus dem Wort Carwash abgeleitete Mutation ein kleines Bastardkind von Chris Carrier und W!ld himself. Doch bevor wir uns auf die Gegenwart beschränken, holen wir doch lieber etwas weiter aus… Tief inhalierend versteht sich. Raveline ließ es sich nicht nehmen, in die relativ unerforschte Welt des in Paris ansässigen DJs, auch Guillaume Duchastel genannt, einzudringen, um interessante Statements aus dem wilden Kerl hervor zu kitzeln. “Ich mag es, die neuen Generationen in die Styles von früher einzuführen, ihnen Altes und Neues gut gemixt zu vermitteln. Ich lege immer noch mit Turntables auf — mit Vinyl und mit Traktor –, und kann somit auch meine Roh-Edits und Raritäten spielen, was mir immens wichtig ist.” Schon so lange mit dabei, dass der heute 34-jährige, in Dijon aufgewachsene W!ld trotz seiner noch jungen Jahre wie ein Urvater der Szene daherkommt, liegen seine Roots im HipHop-Garten unter einem Riesenhaufen von Chicago-Grooves begraben, was auch gleich sein Moniker erklärt. Der Graffiti-Kult-Film “Wild Styles” stand Pate, der junge Sprüher, den parallel zum Streetpaintvirus auch noch die Musik infizierte, glamourierte mit großer Freude das neu aufkeimende Housephänomenon und begann ab 1996 selbst aktiv die französische Szene zu formen. Mit Peter Rauhofer produzierte er “Magic Orgasm”, katapultierte sich in die Charts, räumte dank des Erfolges auf vielerlei Ebenen ab — er war unter anderem Resident im New Yorker Twilo –, und verlor sich dann doch irgendwo auf dem Weg.
W!ld Style
“Mir ging der ganze Bullshit in Paris irgendwann einfach nur noch auf den Keks. Diese ganze Ellbogenclubgesellschaft, die viel zu kaltblütig agiert. Ich war auf diesem Höhepunkt angelangt, an dem ich nicht mehr an weiteren Karrieremoves interessiert war, und seilte mich ein Jahr lang nach Sao Paulo ab. Meine damalige Freundin war Brasilianerin. Ich fasste Fuß in der dortigen Szene und legte in allen namhaften Clubs auf — Lov E, Sirenas, D Edge –, und machte auch als Streetartist die Runde dort. Als ich irgendwann nach Paris zurückkam, hatten sich dort natürlich die Reihen geschlossen. Aus den Augen, aus dem Sinn sozusagen, und ich fühlte mich komplett verloren. Ich hatte keine Ahnung, was werden würde, und fing wieder bei Null an. Ich begann unter meinem eigenen Namen, DJ W!ld, zu produzieren, und mir wurde gleich von Anfang an sehr viel Aufmerksamkeit zuteil. Luciano meldete sich bei mir zurück, und so wurde einer meiner EPs bei Cadenza gesignt. Dann gesellte sich die Platte auf Motivbank dazu, dann kamen die Releases auf Soweso, Kabale&Liebe und Lauhaus raus, dann OFF, die Loveletters From Oslo-Scheibe, dann Robsoul. Die Bookings wurden immer besser, dann spielte ich auf dem Sonar und zwei sehr guten Events, auf dem viele Star-DJs dabei waren, und so konnte ich mich irgendwann wirklich nicht mehr beklagen, weil es so gut läuft. Dieses Jahr wird wohl noch besser, wegen des Albums.
Schall und Rauch
Ah, das Album, “Fumar”, zu deutsch “Rauchen”. Wobei der Titel sich weniger auf raucherfreundliche Downbeats bezieht als auf durchgetanzte Sohlen. Sexy, kess und auf jeden Fall seeeehr feiernswert. Buckelige Grooves, die trippige Soundschlieren ziehend durch den Raum gleiten, deep, funky und gleichzeitig sehr zeitgenössisch, aufs Wesentliche reduziert, doch niemals offensichtlich klingend. Catwash at it‘s finest. Die “Band”, wie W!ld seine Kooperation mit Chris Carrier nennt, existiert seit 2003, ein indirektes Tribut an die 60s Motown-Kultmovie-Sounds des Filmes “Car Wash”, und ist eine psychedelische Musikwaschanlage, in der alles wild (sic!) geschleudert in eine völlig neue Form gebracht wird. Alle elektronischen Einflüsse, als da wäre “Housemusictechnosexyhypnogroovydancefloor”, werden genüsslich in ihre runtergestrippten Rohelemente zerhäkselt und voller Liebe zum Detail wieder zu vollblütigen Housemonstern zusammengebaut werden, die bisweilen bis in jazzige Weiten schweifen, in denen sich klangvolle Keys mit deepen Chords paaren. Oh yeah momma. DJs und Produzenten von Kaliber spielen sich mit den Catwash-Scheiben die Finger wund, und wer das Album fröhlich sein Eigen nennt, weiß, warum. Und die Catwash-Band-Musikanlage dreht sich unkaputtbar weiter. Alte Einflüsse werden völlig unbekümmert zu den Akten gelegt, so dass man sich immer weiter selbst erfinden kann. Remixprojekte und Produktionen mit Lemos, Kreon, Boris Werner & William Kouam Djoko, Phil Weeks, San Proper, Kabale und Liebe und Ilario Alicante sind nur einige der rauchigen Trumpfe im Ärmel der zwei musikalischen Katzenwasch-Tausendsassas. Bring it on.
www.myspace.com/wildtherealone








