Goldie – Kreativ auf tausend Pfaden
„Hast du Lust, ein Interview mit Goldie zu machen“, fragte mich mein Chef kürzlich. Klar hatte ich das. Immerhin fand ich das kreative Schaffen des Mannes mit den beachtlichen Goldzähnen äußerst beeindruckend Doch je näher das Interview rückte, desto mehr erinnerte ich mich auch daran, von verbalen Ausfällen und Tobsuchtanfällen gegenüber Journalisten gehört zu haben. Galt das immer noch, oder konnte man diese Geschichten getrost in die 90er verbannen, als Goldie so etwas wie der Star der Jungle bzw. Drum’n’Bass-Szene war und als das Genre auch auf Majorlabels und in der Tagespresse stattfand? Ich war mir nicht sicher. Sicher ist jedoch: Das Leben des Goldie bzw. Clifford Joseph Price, wie er mit bürgerlichem Namen heißt, war bisher ziemlich ereignisreich und voller Höhen und Tiefen, ohne dass er sich hat unterkriegen lassen. Nach einer harten Kindheit (der Vater machte sich auf und davon, die Mutter kam mit dem Sohn nicht klar, dieser gerät an Pflegeeltern und in Besserungsanstalten) entdeckt er in der Graffiti-Kunst eine kreative Ausdrucksform, die ihm bald größere Bekanntheit beschert. Er lässt sich Dreadlocks wachsen und nennt sich Goldielocks. Die HipHop-Kultur hat es ihm genauso angetan, wie der Fußball. Er übt sich im Breakdancen und wütet in den Stadien als Hooligan. Mitte der 80er zieht es ihn dann nach New York, wo er weiterhin das Sprayen verfolgt. Nach einem Zwischenhalt in Miami kehrt er Anfang der 90er zurück nach England. Dort ist das große Rave-Fieber ausgebrochen. Nach Acidhouse hat UK Hardcore die Insel im Griff. Goldie wird von seiner Freundin Kemistry in den Rage Club mitgenommen, wo DJs wie Fabio und Grooverider auflegen. Die dort gehörten Breakbeats faszinieren ihn sofort.
Bald entwirft er Plattencover für andere, wird zum Ideengeber für befreundete Acts und produziert erste eigene Tracks. Unter dem Namen Metalheadz releast er 1993 den Meilenstein „Terminator“, der mit für den nun aufkommenden Jungle Sound verantwortlich ist. 1994 gründet Goldie zusammen mit Freunden das legendäre Metalheadz Label. 1995 erscheint dort das „Timeless“-Album, das bis heute ein zeitloses Meisterwerk ist. In jenen Tagen verdient Goldie schon astronomische Summen. Jungle bzw. Drum´n Bass ist der neue Hype und Majorlabels greifen begierig zu. Die Boulevardpresse stürzt sich natürlich auf einen Charakter wie Goldie. Seine Liaison mit Björk war nur eine von vielen Geschichten, die direkt aufgesogen und öffentlich diskutiert wurde. Das zweite Goldie-Album „Saturnz Return“ (1998) ist kommerziell weniger erfolgreich, hat aber Gäste wie Noel Gallagher und Björk an Bord.
Auch als Schauspieler schlägt sich Goldie gut. Unter anderem spielt er im James Bond-Streifen „Die Welt ist nicht genug“ und in „Snatch“ mit. In den Nullerjahren ist er fern von großen Labeldeals und sitzt gar in der englischen Ausgabe von Big Brother. Doch wer damit Goldie endgültig am Abgrund seiner Karriere sah, der irrte sich gewaltig, denn der Herr ist auch heute noch da und tobt sich weiterhin in den verschiedensten Disziplinen aus. Aktuell hat er die neueste Ausgabe der „Fabriclive“-CD gemixt. Damit beweist er, dass sowohl Drum’n’Bass als auch sein Metalheadz Label sich bester Gesundheit erfreuen.
Am Telefon gibt sich Goldie erfreulich redselig. Dass es in den letzten Jahren stiller um ihn geworden schien, davon will er natürlich nichts wissen. „Es hat sich nichts einfach nur verändert, es ist alles jedoch größer geworden. Ich mache mehr Dinge, mehr positive Vibes, mehr Musik, mehr kreative Projekte …“, erklärt er. Was die Medien in ihn hineininterpretieren, das ist ihm gleichgültiger denn je. „Mich interessiert der Goldie, den sie abbilden, nicht, warum sollte er auch? Die Leute können so kritisch sein, wie sie wollen, ich lache darüber nur. Sie machen doch sowieso was sie wollen. Und wenn sie etwas in mir sehen wollen, ist das ihr Problem.“ Goldie lacht hörbar verächtlich und macht klar: „Das was ich mag, ist nicht die Ansicht jedermanns, aber eben meine eigene. Ich mache immer noch das, was ich früher schon gemacht habe. Malerei, Musik, was auch immer. Das ist alles, was für mich zählt. Alles andere interessiert mich nicht. Und wenn man sich Musiker wie Hybrid anschaut, die glauben ebenfalls immer noch an das, was wir vor vielen Jahren geschaffen haben. Sie setzen es nur anders um, denn es gibt keine Grenzen. Das ist es auch, was ich immer unseren Label-Artists klar mache: Wenn du an das, was du machst, glaubst, ist das alles, was zählt. Manche Leute stehen morgens auf, um Musik zu produzieren. Sie haben dann eine Formel dafür, weil sie so klingen wollen wie andere es tun, und sie sind damit glücklich. Und weißt du was? Power to them! Denn das ist das, was sie machen wollen. Solange sie damit glücklich sind, ist das doch schön. Ich selbst könnte das nicht, denn dann könnte ich nachts nicht mehr schlafen. Ich bin einfach anders gepolt.“ Bedenkt man, wie lange Goldie schon dabei ist, überrascht es, dass er nicht viel mehr Musik in all den Jahren veröffentlicht hat. „Für mich ist es wichtig, die Musik als Genre zu feiern. Ebenso wichtig ist es mir, vielleicht alle fünf Jahre ein Album zu realisieren. Doch mein Leben geht auch so immer weiter, und ich mache eben verschiedene Dinge, sei es eine Ausstellung, eine TV-Show oder was auch immer. Ich bin nicht 24 Stunden am Tag im Studio. Ich stehe aber auch nicht 24 Stunden vor der Kamera. Ich kann nicht eine Sache nur verfolgen, vielmehr ist es wichtig, dass ich die Medien vermische.“ Anders als manchen seiner Drum’n’Bass-Kollegen, gefällt Goldie auch Dubstep. „Die Leute, die Dubstep nicht mögen, sollten sich einmal daran erinnern, wie es war, als sie jung waren. Es ist großartig, dass Dubstep kam, es entstand auch aus dem Drum’n’Bass, und viele, die früher Drum’n’Bass gemacht haben, machen jetzt eben Dubstep. Es ist eine wichtige Weiterentwicklung. Als wir mit Drum’n’Bass um die Ecke kamen, haben wir Bands wie Bush geremixt, heute mixen Dubstep-Producer Katy B. Sie haben das vom Drum’n’Bass gelernt.“ Er betont: „Ich hatte, als ich jung war, das Glück, zur Musik gekommen zu sein. Viele andere Menschen haben nur ihr Teenagerleben, um Spaß zu haben, danach beginnen sie ihren normalen Job, heirateten und sterben irgendwann. Aber für mich war Musik stets ein sehr starker Faktor in meinem Leben. Sie war immer da für mich. Heute habe ich auch Kinder, meine Tochter ist 13, zwei meiner anderen Kinder sind 23 und 26. Ich mache also Musik, und die Kids sind teilweise halb so alt wie ich.“ Überhaupt scheint der Mitte der sechziger Jahre geborene Künstler die Entwicklungen und den Musikgeschmack der heutigen Jugend interessiert zu verfolgen und gerne darüber zu philosophieren. „Warum mögen denn heute 21-Jährige Motown oder so etwas wie Wu-Tang Clan? Als der Wu-Tang Clan bekannt wurde, waren sie doch gerade mal zwei Jahre alt? Einfach aus dem Grund, weil sie sie merken, dass diese Musik Soul hat. Sie sind zwar Teil der iPod-Generation, aber sie mögen eben immer noch großartige Songs. Heute gibt es ja auch tolle Musiker wie Plan B. In den 90ern drehte es sich viel mehr um elektronische Musik, jetzt geht es wieder mehr zurück zur Livemusik. Der Einfluss ist sehr groß. Ich selbst habe auch keine Angst davor, die verschiedensten Musiken zu vermischen.“
Gegen Ende des Interviews gerät Goldie noch einmal kurz in Rage, als er von einer ganz bestimmten Frage erzählt, die viele Journalisten ihm zu stellen wagen. „Die fragen mich tatsächlich: Lebt Drum’n’Bass noch? Natürlich lebt er noch! Er ist zurück im Underground, und das ist gesund für die ganze Sache. Viele Leute der ersten Generation haben heute Kinder und normale Jobs und sehen gar nicht, wie weit Drum’n’Bass gekommen ist. Drum’n’Bass hat elektronischer Musik eine wirklich große Vision gegeben. Wenn man bedenkt, wie viel Soul schon die Stücke der Anfangszeit hatten und wie aufwendig damals noch die Produktion war, ist das echt toll.“ Momentan arbeitet Goldie am langerwarteten nächsten Album. Der Nachfolger seines Ruffige Kru-Werks „Malice in Wonderland“ (2007) und „Sine Tempus. The Soundtrack“ (2008) liegt ihm sehr am Herzen. „Ich arbeite dafür wieder mit Musikern zusammen. Und glaubt mir, es wird ein großer Schlag! Ich freue mich auf die Platte noch mehr, als auf jedes andere Album, das ich gemacht habe.“
Fabriclive 58: Goldie ist auf Fabric erschienen







