Mittwoch, 22. Februar 2012

Roman: “Der schwierigere Weg ist manchmal auch der lautere”


28. September 2010 // Musikthemen  

Roman_2009

Auf Karaoke Kalk ist gerade der dritte Longplayer von Roman erschienen. Ein guter Grund, das kreative Allround-Talent aus Köln einmal ausführlich zu interviewen..

Wie ist denn deine Herangehensweise, wenn du einen neuen Song erschaffst? Bastelst du zuerst die Musik, oder kommen zuerst die Songtexte?
Die Herangehensweisen sind unterschiedlich. Da ich überhaupt kein Instrument spiele, greife ich meistens auf meine Stimme zurück, was so eine Art Methode geworden ist. Das heißt, ich schichte meine Spuren in meinem Laptop übereinander, spontan und kopflos. Der Beat wird (schlecht) gebeatboxt. Danach höre ich’s an und sehe, was der Song sein will. Dann höre ich was die Bassline ist, welche Spuren ein Streicherarrangement werden könnten usw. Im Grunde diktiert diese erste Aufnahme alles weitere. Alle Entscheidungen müssen also dieser ersten Stimmung dienen, damit sie nicht verloren geht. Beim neuen Album war’s manchmal so, dass ein Beat die zündende Idee war. Das kommt daher weil ich viel mit meinem Drummer zusammengearbeitet habe und überhaupt Drums und Rhythmik ein großes Thema waren.
Die Texte- großes Geheimnis, auch für mich. Manchmal muss ich sie jagen und anschießen, manchmal fallen sie mir so schnell ein, dass ich Mühe habe, alles mitzuschreiben. Die ersten Gesangstakes sind immer Gibberish. Die Silben und die Anordnung stimmen aber meistens, danach muss also der Sinn die ‚Form’ füllen. Klingt so kompliziert, dass ich selber Angst habe, den Prozess zu verstehen.

Was inspiriert dich denn generell bei deinen Lyrics? Ich hörte, du schreibst auch deine Träume auf?
Inspiration ist meistens etwas sehr persönliches. Ich versuche, in persönlichen Erfahrungen etwas „gültiges“ zu entdecken, was ich beschreiben kann. Die Lyrics sind wie Reports die ich abgebe wenn ich etwas entdeckt habe, von dem ich glaube, dass es auch andere was angeht. Abstraktion ist dabei wichtig, wenn es zu konkret geschildert würde, dann würd’s keine Sau mehr interessieren. Meine Träume sind oft die Quelle, da ich unglaublich heftig und ausgereizt träume. Ich habe außerdem diese genetische Abnormalie- in einem bestimmten Halbwach-Zustand vermischt sich manchmal Traum und Realität für mich und findet auf gleicher Ebene statt. Manchmal wache ich nachts auf und neben mir sitzt ein kauendes Rind o.ä. Daher ist es für mich sehr natürlich, assoziativ zu schreiben und Konkretes und Bodenständiges mit Surrealem zu verbinden.

Was hat sich bei deinem dritten Album deiner Meinung nach am stärksten geändert, wenn du es mit den Vorgängern vergleichst?
Die Vorgänger sind eindeutig allein im Appartment ausgedacht und auch produziert worden. Alleinsein ist für mich viel angenehmer als unter Menschen zu sein. Aber das wäre ja zu einfach. Von daher war das Thema dieses Albums, Zusammenarbeit und Kommunikation. Darum auch die Co-Produzenten und die Bandarbeit. Das hört man natürlich – die Aufnahmen wurden im Studio gemacht, die Band wurde mit aufgenommen und hat den Sound beeinflusst. Klar gab es später wieder Einsamkeit am Laptop, in der ich alles noch mal bearbeitet habe. Manche Songs habe ich allein und ohne weitere Zutaten produziert. Musikalisch wollte ich mehr raus, alles ist extravertierter und ein bisschen aggressiver. Der schwierigere Weg ist manchmal auch der lautere.

Bei dem neuen Werk standen dir Henning Schmitz und Bertil Mark bei der Produktion zur Seite. Wie kamst du auf die beiden?
Henning war damals auf einem Suzanne Vega Konzert, für die wir in Deutschland der Support waren. Er fragte mich danach, ob wir nicht was zusammen machen wollen. Wir haben uns von Anfang an ohne viele Worte verstanden. Von seinem Background habe ich erst später erfahren und war auch froh darum. Große Namen können manchmal sehr manipulativ sein, oder? Bertil war Teil einer Band meiner früheren Managerin. Die Zusammenarbeit mir ihm hat sich schönerweise einfach ergeben, aber Zufälle gibt’s ja nicht.


Der Aufnahme- und Produktionsprozess der Platte liest sich aufwändig. Erzähl doch mal, wie entstand die Platte?

Zuerst habe ich meine Demos alleine aufgenommen. Die Struktur war klar, aber die Verpackung völlig offen. Manche dieser Demos habe ich dann mit meiner Band geprobt und entwickelt. Für andere habe ich z.B. Streicherarrangements geschrieben und irgendwie in Noten umgewandelt. Die Bandsongs und das Streichsextett haben wir dann proper im Studio bei Henning aufgenommen und produziert. Für ein paar Aufnahmen bin ich mit kompletter Band zum M.A.R.S. gefahren, diese Thomas D-WG, wo Bertil wohnt und produziert. Da hingen wir ein paar Tage und haben ganztägig aufgenommen, dann direkt gemischt und gebrannt. „Despair When Young“ ist so entstanden. Ich habe natürlich noch viel selber mit den Aufnahmen rumgefuckt. Für die Sprechparts in „Goodbye Bunny/Traffic“ hab ich mit meinem Mate Tom im Studio getextet. Der Prozess war insgesamt: mit Freunden hängen und Ideen umsetzen, die gerade anstehen. DIY!


Auffällig ist (wieder), dass du gerne musikalische Grenzen zu überwinden scheinst bzw. dich ungern auf einen Stil festlegen lässt.. Woher kommt dieser Facettenreichtum? Bist du auch als Musikhörer in verschiedenen Stilen unterwegs?

Denkpause. Das mit dem Facettenreichtum war mir selber lange nicht bewusst. Will sagen – das ist nichts, worauf ich es anlege. Es ist nicht mal was, das ich besonders schätze. Ich glaube, es hat was mit ehrlich sein zu tun. Musikalische Grenzen können nur dann aufrecht erhalten werden, wenn man in der Lage ist, isoliert zu sein. Grenzen funktionieren nur in einer Art Isolation. Die es heute nicht mehr gibt. Alles ist immer zugänglich. Ich halte es für eine Art gewählte Augenbinde, wenn man so tut, als wäre das nicht so. Nach einer kurzen Youtube-Session ist man doch so aufgebrochen und ‚erleuchtet’, dass man die musikalischen Genres und Sicherheiten eh in die Tonne hauen kann. Von daher habe ich bisher immer alles zugelassen. Sich im Verschiedenen irgendwie finden. Das gleiche gilt auch für die Musik die ich höre. Ich habe immer Phasen, in denen ich mich verschiedenen Dingen einer musikalischen Sache widme. Ich mag gern elektronische Musik oder den Versuch, handgemacht elektronisch zu klingen.


Dein Hang zum Geschichtenerzählen offenbart sich auch in deinen Kurzfilmen, die man auf deinen Webseiten findet. Wie kamst du denn generell dazu, was fasziniert dich an der Verbindung von Text (Lyrics), Musik und Bild (Film)?

Nach dem Abi hab ich Film studiert und bin nach Los Angeles gegangen, wo ich eine Weile bei 20th Century Fox als Praktikant gearbeitet habe. Ich wollte immer Regisseur werden und habe Kurzfilme gemacht. Da drüben hab ich dann aber gemerkt, dass ich noch viel eher Musik machen und singen will. Also Zelte abgebrochen, und erstes Album gemacht. Das Einzige was blieb ist die Gewohnheit, nachts Filme zu gucken. Ich glaube ich muss in den letzten paar Jahren so um die 1000 Filme gesehen haben, ohne Übertreibung. Irgendwann letztes Jahr hatte ich plötzlich wieder Lust, was zu machen. Da habe ich dann die erste Podcast Folge „The Curious Tapes“ gestrickt, und alles mögliche dokumentiert. Daraus entstand auch das Video „Agog Grammar“. Inzwischen finde es praktisch und nur logisch, die Musik über Bilder zu erzählen. Da ich gerne lese und viel schreibe, muss diese Ebene auch noch rein. Ich liebe es, Freunde von mir zu verkleiden (oder auszuziehen), zu filmen und später darüber aus dem Off Geschichten zu erzählen.


Welche anderen Künstler inspirieren dich / haben dich in deinem Werdegang beeinflusst?

Ich liebe Serge Gainsbourg. Der Typ war kanone. Hat unglaublich assoziative und bescheuerte Texte geschrieben, hat Filme gemacht, geschauspielert und musikalisch so auf alles geschissen, dass es nur so eine Offenbarung ist.
RM Rilke! Man denkt immer nur „romantische Dichtung“ wenn der Name genannt wird, aber seine Tagebücher und Briefe sind so voll von Wahrheit und Gebrauchsanweisungen für alle Kreativen, egal welcher Zeit, dass ich nicht aufhören kann, das zu lesen. Stockhausen ist natürlich toll, seine Texte, und um den kommt man in Köln nicht rum. Ich habe als Teen nur Gitarre gehört, Björk hat mich mit ihrem Album Vespertine und allem anderen für elektronische Mucke aufgeweckt, und zur Zeit liebe ich Fever Ray, Everything Everything, Oni Ayhun, britisches Dubstep Zeug, Ceo, Arcade Fire usw.

Welche Projekte stehen als nächstes bei dir an?
KonzerteKonzerteKonzerte, außerdem produziere ich ein paar Videos zum Album. „Futura“ wird die erste Single, für die ich im Netz zig Leute dazu brachte, vor ihrer Webcam für das Video tanzen. Es wird außerdem noch eine Remix-EP 12’’ geben und ich werde meinen Podcast weiter verfolgen. Das nächste Album ist schon in der Schreibe, da wird es um das Gegenteil von allem jetzt gehen: nämlich Begrenzung! Und irgendwann viel später schreibe ich einen Spielfilm und drehe ihn.

www.roman-music.com

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